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Stichwort des Monats
NS-„Euthanasie“-Verbrechen

Das wandernde „Denkmal der grauen Busse“ steht von August 2017 bis Mai 2018 in der Frankfurter Innenstadt. Die „grauen Busse“ stehen als Symbol für den Mord zwischen 1939 – 1945 an ca. 200.000 Menschen, die krank, behindert oder sozial missliebig waren oder als solche von der NS-Ideologie betrachtet wurden. Die beschönigende Bezeichnung für diese Morde ist das griechische Wort „Euthanasie“.
Hintergrund der Morde war die Radikalisierung von Debatten über rassistisch oder nicht rassistisch begründete „Bestenauslese“, die es bereits in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts in verschiedenen Ländern gab. Die Täter*innen waren meist Ärzt*innen oder Krankenpflegepersonal. „Euthanasie“ richtete sich vor allem gegen Menschen in Anstaltspflege und ist gekennzeichnet durch ein geplantes, organisiertes, bürokratisch gestütztes, arbeitsteiliges Vorgehen. Schon vor 1939 betrieben Nationalsozialist*innen die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ zunächst durch massive Sparmaßnahmen in der Fürsorge. Auch Zwangssterilisierungen wurden durchgeführt. Als NS- „Euthanasie“ - Verbrechen bezeichnet man fünf Bereiche:  die „Kindereuthanasie“, Ermordung poln./russ. Psychiatriepatient*innen, die „Aktion T4“, die „Aktion 14f13“ und  die Dezentrale Euthanasie.

Kurz vor Kriegsbeginn begann die sog. Kindereuthanasie. Die „Kanzlei des Führers“ richtete im Frühjahr 1939 den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ ein, eine Tarnorganisation mit deren Hilfe die Ermordung von Kindern mit meist schweren und schwersten Behinderungen eingeleitet wurde. Die sog. Kindereuthanasie ist die einzige Maßnahme der NS-„Euthanasie“, die nicht primär auf internierte Patient*innen, sondern auf zu Hause bei den Eltern lebende Neugeborene und Kleinkinder abzielte. Die Tatorte („Kinderfachabteilungen“) waren integriert in Heilanstalten, Uni-Kliniken und Kinderkrankenhäuser. Die Zahl der Ermordeten wird mit 6-8000 angegeben. Insgesamt wurde die sog. Kindereuthanasie bis 1945 ausgeweitet, indem die Zahl der „Kinderfachabteilungen“ stieg und auch ältere Kinder und Jugendliche ermordet wurden.

Die Ermordung polnischer und russischer Psychiatriepatient*innen begann mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 bzw. die Sowjetunion im Juni 1941. Die Opfer waren Anstaltsinsassen, die durch Erschießen, Verhungern oder Gas durch Einheiten von Sicherheitspolizei und SD, unterstützt durch Wehrmachtseinheiten ermordet wurden. Hierbei kamen zum ersten Mal Gaswagen zur Ermordung zum Einsatz. Die frei werdenden Anlagen und Gebäude wurden im Anschluss durch Militär und Besatzungseinrichtungen genutzt.

Der bekannteste  Bereich der NS - „Euthanasie“ umfasst die „Aktion T4“. Der Name geht zurück auf eine Behörde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, in der die Ermordung von 70.000 Anstaltspatient*innen auf dem Gebiet des Deutschen Reichs in sechs Gasmordanstalten zwischen Januar 1940 und August 1941 organisiert wurde. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen im Sommer 1939 bereiteten der „Kanzleiführer“ Philipp Bouhler und Hitlers persönlicher Arzt, Dr. Karl Brandt, die Organisation der Euthanasiemorde vor und baten Hitler um eine schriftliche Ermächtigung, die Hitler im Oktober 1939 rückdatiert auf den Kriegsbeginn am 1.September 1939 gab.

In der Folge wurden in sechs Anstalten, die strategisch über das ganze Reichsgebiet verteilt lagen (Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim (heute Österreich) und Pirna-Sonnenstein), Gaskammern und Krematoriumsöfen eingebaut. Die Vor- und Nachbereitung der Tötungen waren genauestens geplant und organisiert. Zunächst wurden die Patient*innen durch Meldebögen erfasst und begutachtet. Mitarbeiter der Tötungsanstalten und leitende Ärzte ermordeten die Kranken unmittelbar nach ihrer Ankunft in Gaskammern. Dann wurde eine Sterbebeurkunde erstellt und ein Trostbrief an die Angehörigen verschickt, zur Vertuschung häufig mit einem falschen Sterbedatum und  -ort. Das Ziel war die Beseitigung der Anstaltspatient*innen. Diese Form der „Euthanasie“ wurde gestoppt, nachdem der Bischof von Münster, Clemens August von Galen,   intervenierte. Er gab der Sorge Ausdruck, dass die „Euthanasie“ generell alte Menschen treffe, die für die Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen brachten. Damit waren viele Mitglieder der deutschen Mehrheitsgesellschaft – anders als bei der Judenverfolgung – potentiell betroffen.  Die Proteste kamen im August 1941 auf, zwei Monate nach dem Angriff auf die Sowjetunion . Mit dem Ziel der Stabilisierung der Heimatfront wurde die „T4 Aktion“ abgebrochen.  

Eine weitere Form der „Euthanasie“ stellte die „Aktion 14f13“ dar, die eine Verzahnung der Anstaltsmorde mit Konzentrationslagern bedeutete. Die Bezeichnung geht zurück auf einen SS-Einheitsaktenplan. Hierbei handelte es sich um die Ermordung von kranken, geschwächten und arbeitsunfähigen (und bald auch von jüdischen) KZ-Häftlingen in den Gasmordanstalten Bernburg, Pirna/Sonnenstein und Hartheim nach einer „Selektion“ durch sogenannte T4-Gutachter, die in die Konzentrationslager reisten. Die „Aktion 14f13“  begann im April 1941 und wurde Mitte 1942 (in Hartheim erst 1944)  aufgrund von Arbeitskräftemangel im Fortgang des Krieges beendet. In den Lagern übernahmen nun eigene Ärzte die Selektionen und eigene Tötungseinrichtungen (Genickschussanlage Buchenwald im Sommer 1941) und Gaskammern (deren Anfänge waren Ende 1941 in Auschwitz) wurden eingesetzt. Insgesamt wurden mit der „Aktion 14f13“  zwischen 20 000 und 32 000 Menschen ermordet.
 
Die dezentrale bzw. regionale „Euthanasie“ begann nach dem Stopp der „Aktion T4“. Ihr Zeitraum erstreckt sich von Mitte 1942 bis Kriegsende. Ziel war es jetzt, sich kranker Zwangsarbeiter zu entledigen  und Platz für Kriegslazarette zu schaffen. Obgleich die T4-Behörde immer noch federführend war, verlagerten sich Entscheidungsbefugnisse und -spielräume in die Region. In unübersichtlich vielen Orten und Anstalten wurde nun gemordet, begünstigt dadurch, dass unauffällige Mordmethoden angewendet wurden: Schwächung, Verhungernlassen, Vergabe überdosierter Medikamente. Aus der Vielzahl der Orte, ragen auch in dieser Zeit zwei heraus: Hadamar und Meseritz-Obrawalde.

Auch noch nach 1945 starben Anstaltspatient*innen an Hunger und Mangel, und auch eugenisches Gedankengut, die Ausgrenzung und Stigmatisierung von Betroffenen, wirkten fort. Zwischen 1945 und 1947 kam es zu mehreren „Euthanasie“-Prozessen, darunter 1946/47 der Nürnberger Ärzteprozess, der für die genaue Dokumentation der Vorgänge aufschlussreich war. Etwa ab 1959 strengte Fritz Bauer als hessischer Generalstaatsanwalt verschiedene  Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche für NS-Euthanasie-Verbrechen an. Allerdings kamen nur  kleinere Prozesse zustande.

Vor allem alliierte Gerichte  verurteilten einige wenige Täter zum Tode oder zu lebenslanger Haft. Die Strafen wurden nach 1950 nach und nach abgemildert. In den Nürnberger Prozessen betrachteten die Richter den Tatbestand des Mordes als erfüllt. In Prozessen vor deutschen Gerichten nach 1948 ergingen Urteile nur wegen Beihilfe zum Mord, es gab weniger Strafverfahren und sie endeten folglich mit milder Strafe oder Freispruch. Die Mehrzahl der Verantwortlichen wurde nie zur Rechenschaft gezogen, einige machten in der Nachkriegszeit Karriere.
Die Opfer und ihre Angehörigen kämpften lange erfolglos um Entschädigung, da sie nicht unter das Bundesentschädigungsgesetz von 1956 fielen. 1980 wurden erstmals Entschädigungszahlungen für Zwangssterilisierte ermöglicht. 1987 wurde der Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten gegründet, der seitdem um eine Gleichstellung mit anderen im Nationalsozialismus Verfolgten kämpft. Seit 2002 haben Kinder von Eltern, die der „Euthanasie“ zum Opfer fielen, ein Anrecht auf eine Einmalzahlung. Erst 2007 wurden  Zwangssterilisierte und „Euthanasie“ – Geschädigte durch den Bundestag rehabilitiert, allerdings ohne monetäre Folgen.

Das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums bietet ab August 2017 Workshops für die Klassen 9-13 aller Schulformen und auch für außerschulische Gruppen an. Er wird jeweils nach Absprache an die Lerngruppe angepasst.  
Stichwort vom August 2017





Denkmal der Grauen Busse ab 17.August 2017 auf dem Rathenau-Platz Frankfurt


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Letzte Änderung: 21.08.2015