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Stichwort des Monats
Judengasse im Mittelalter

Die heute weit verbreitete Vorstellung von der mittelalterlichen Judengasse ist stark vom Eindruck des späteren Ghettos geprägt (siehe Stichwort Ghetto), dies zeigt sich in nahezu allen Schulgeschichtsbüchern und nicht nur da. Entweder wird die Entstehung des Ghettos falsch ins Mittelalter vorverlegt oder aber die mittelalterliche Judengasse und das jüdische Leben werden als derart von der Umwelt abgeschlossen beschrieben, dass es wie eine Art „Ghetto vor dem Ghetto“ erscheint. Sprachlich geht beides tatsächlich ineinander über, so trug z.B. in Frankfurt a.M. das 1462 errichtete Ghetto den Namen Judengasse, zuvor gab es aber schon ein jüdisches Viertel südlich des Doms (Bartholomäuskirche).

Die jüdischen Ansiedlungen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation erfolgten vom 10. bis 12. Jh. zunächst in Bischofsstädten, da es zunächst die Bischöfe als Stadtherren waren, die jüdische Fernhändler anwarben, wie es aus der ältesten Urkunde dieser Art, dem Speyerer Judenprivileg von 1084, überliefert ist. In Mainz, Trier, Köln, Neuss, Straßburg, Regensburg, Frankfurt (obwohl kein Bischofssitz), Bamberg… entstand die Judengasse in der Nähe des Doms oder Münsters. In Speyer gab es eine jüdische Siedlung vorübergehend vor der Stadt und danach ebenfalls beim Dom; in Worms wurde die Judengasse dagegen an der Stadtmauer eingerichtet, wo vorher friesische Händler ihre Niederlassung hatten, in Magdeburg, der östlichsten Stadt des Reiches im 10. Jh., entstand die Gemeinde vor der Altstadt, evtl. ist das „Judendorf“ sogar älter als die Altstadt.

Es waren keine abgeschlossenen, sondern offene Gassen oder Viertel. In Köln lag das Rathaus so dicht am Wohnviertel der Juden, dass man von drei Richtungen her erst das jüdische Viertel durchqueren musste um ins Rathaus zu gelangen. In Frankfurt a. M. wohnten Juden zwischen der Bartholomäuskirche, dem späteren Kaiserdom, und dem Mainhafen in einem täglich frequentierten Durchgangsgebiet zwischen der Fischerzunft auf der einen und der Metzgerzunft auf der anderen Seite. Nicht selten wohnten auch Christen in den Judengassen, wie es z.B. für Köln überliefert ist.

Die Ansiedlung in einer oder mehreren Gassen entsprach sowohl dem Interesse der jüdischen Gemeinde zusammenzuleben als auch den Gepflogenheiten der mittelalterlichen Stadt, ihre Siedlungsstruktur nach beruflichen Gruppen zu organisieren (Bäckergasse, Webergasse, Kornmarkt usw.). Die Judengasse unterschied sich daher zunächst nur durch die andere Religion ihrer Bewohner.

Die jüdische Gemeinde hatte religiöse, kulturelle und rechtliche Autonomie, die ebenso wie ihre Beziehungen zur christlichen Umwelt durch ein bischöfliches oder königliches Privileg geregelt wurde, später durch städtische Verordnungen, sog. Stättigkeiten. Solch ein Privileg konnte Bevorteilungen enthalten, wie etwa die Befreiung von bestimmten Zöllen für die Handelstätigkeit, aber auch Einschränkungen, es ist nicht als eine Privilegierung im modernen, seit der Französischen Revolution pejorativ gemeinten Sinne zu verstehen. Privilegien waren im Mittelalter auch für Christen die gängige Form der Zuteilung von Rechten für bestimmte als wirtschaftlich förderungswürdig angesehene Aktivitäten.

Umgekehrt waren Juden In einer städtischen Gesellschaft aber auch keine rechtlich ausgegrenzte Randgruppe oder Teil der Unterschicht, wie oft behauptet. Sie hatten bis ins hohe Mittelalter, meistens sogar bis ins 14. Jh., einen Status mit gewissen bürgerlichen Rechten und Pflichten, oft miteinander verbunden durch die Beteiligung an der Verteidigung der Stadt. Bei den „passiven“ Rechten und Freiheiten, anders als bei den „aktiven“ politischen Rechten der Mitsprache an der Stadtverwaltung (z.B. durch die Zünfte), gab es oft eine Gleichsetzung von Christen und Juden, wie z.B. in Köln oder Worms noch zu Beginn des 14. Jh.s. Die beruflichen Möglichkeiten der Juden wurden jedoch durch die Gründung der Zünfte und Gilden und die Regelungen in den ihnen zugestandenen Privilegien eingeschränkt.

Die Pestpogrome 1349 sowie Flucht und Vertreibung im Zusammenhang damit oder in der nachfolgenden Zeit beendeten das christlich-jüdische Zusammenleben in den Städten bis auf wenige Ausnahmen (Frankfurt, Worms, Prag), es entstand das Landjudentum. Für die verbliebenen städtischen Gemeinden erfolgte im Übergang zur Frühen Neuzeit die Abgrenzung durch die Errichtung von Ghettos. [Link zu Stichwort Ghetto]


Worms, Hintere Judengasse mit Rückseite der 1960 wider aufgebauten alten Synagoge. (C) W. Geiger


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Letzte Änderung: 21.09.2015