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Stichwort des Monats
Diaspora

Der Begriff „Diaspora“ stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt „Verstreuung“. Damit ist die „Verstreuung der Juden unter die Völker“ gemeint, die den Israeliten zunächst in der Thora, 5. Mose 4, 27, als Strafe Gottes bei Ungehorsam angedroht wurde: „Der Herr wird euch unter die Völker verstreuen. Nur einige von euch werden übrig bleiben in den Nationen, zu denen der Herr euch führt.“ (vgl. auch 5. Mose 28, 37).

Der Diaspora-Begriff ging in die christliche Perspektive ein, in der jüdischen Tradition steht dafür hebräisch „galut“, was soviel wie (unfreiwilliges) Exil bedeutet. In beiden Begriffen schwingen unterschiedliche Wertungen mit: im christlichen Diaspora-Verständnis die Strafe als endgültiges Schicksal bis zum Jüngsten Tag, gedeutet im neutestamentarischen Sinne als Bestrafung für die Verleugnung des Messias; im jüdischen Galut eher ein vorübergehendes Schicksal mit der Hoffnung auf Rückkehr, zunächst im religiösen Kontext (Hoffnung auf den wahren Messias), dann seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verstärkt in einem säkularen Verständnis in nationaler bzw. zionistischer Perspektive.

Als erstes Exil gilt die in der Bibel so genannte „babylonische Gefangenschaft“ mit der Zerstörung des Ersten Tempels 586 v. Chr. Der Diaspora-Begriff heute bezieht sich auf die zweite, große Diaspora als Folge (Flucht, Versklavung, Vertreibung) der beiden niedergeschlagenen Aufstände gegen die römische Herrschaft: 70 n. Chr. („Jüdischer Krieg“) wurde der Zweite Tempel zerstört und 135 n. Chr. („Bar-Kochba-Aufstand“) die jüdische Bevölkerung aus Jerusalem verbannt, die Stadt in Aelia Capitolina und die Provinz Judaea in Palaestina umbenannt.

Unabhängig von diesem erzwungenen Exil gab es in der hellenistischen und frühen römischen Zeit eine Diaspora als Migrationsphänomen in Richtung der städtischen Zentren, v.a. im östlichen Mittelmeer und in Italien. Außerdem existierte die babylonische Diaspora weiter durch den freiwilligen Verbleib einer starken jüdischen Gemeinde in Mesopotamien, die später eine herausragende kulturelle Rolle spielte (Babylonischer Talmud, 6.-8. Jh. n. Chr.).

Die Vorstellung von der Flucht oder Vertreibung des ganzen Volkes ist ein Konstrukt. Es folgt dem Vorbild der Überlieferung von der früheren Auswanderung nach Ägypten (Genesis 46-47) bzw. des Auszugs aus Ägypten (Exodus). Nur eine Elite des israelitischen Volkes wurde in die babylonische Gefangenschaft geführt und auch die Folgen der niedergeschlagenen Aufstände gegen die Römer führten nicht zu einer Entvölkerung des Heiligen Landes von seinen jüdischen Bewohnern: Im Norden, in Galiläa, blieb über lange Zeit ein kulturelles jüdisches Zentrum bestehen, Flucht und Vertreibung betrafen jedoch Jerusalem und seine Umgebung, also das historische Judäa. Zur demographischen Entwicklung gibt es nur zweifelhafte Zahlenangaben in römischen Quellen, da die Autoren entweder aus projüdischer Sicht (z.B. Flavius Josephus) oder aber aus antijüdischer Sicht das Diaspora-Phänomen übertrieben darstellten. Die Verbreitung des Judentums im Römischen Reich ist außerdem nicht nur auf eine Migration von Juden im ethnischen Sinne zurückzuführen, denn es gab mit Sicherheit auch Konversionen von Nicht-Juden vom Polytheismus zum jüdischen Monotheismus, bevor das konkurrierende Christentum mit seinem expliziten Missionsanspruch an Einfluss gewann. Die Zusammensetzung des Diaspora-Judentums in der vorchristlichen Zeit umfasste also eine Mischung aus Juden ethnischer Abstammung und in die Religionsgemeinschaft Aufgenommenen anderer Herkunft, auch hierzu gibt es jedoch keine verlässlichen Zahlen.

Die Diaspora hatte ihren Schwerpunkt im Mittelmeerraum, wenn es auch schon in spätrömischer Zeit jüdische Gemeinden in den großen Städten Mitteleuropas bis an Mosel und Rhein gab (Tier, Köln, Mainz). Eine Kontinuität der jüdischen Präsenz dort in der Völkerwanderungszeit ist umstritten und jedenfalls nicht nachweisbar. Im frühen und hohen Mittelalter verbreitete sich dann mit der Entwicklung der Handelsbeziehungen die jüdische Ansiedlung vom westlichen Mittelmeer aus nach Norden und später nach Osten. Die mitteleuropäischen Juden nannten sich Ashkenazim (Aschkenasen), die spanischen Sfardim (Sepharden). Weitere verfolgungsbedingte Wanderungsbewegungen führten später große Teile der Aschkenasen nach Polen und einige nach Italien, während die Sepharden ins östliche Mittelmeer (Osmanisches Reich) sowie in geringeren Teilen in die Niederlande und nach Hamburg zogen. Ein eigenständiges Judentum entstand im Mittelalter im Reich der Chasaren nördlich des Schwarzen Meeres durch den Übertritt des Herrschers und wohl von Teilen dieses Turkvolkes, möglicherweise unter dem Einfluss von aus Byzanz emigrierten Juden.

Die Frage, ob es eine ethnische Kontinuität in der Diaspora gab oder das Judentum vorwiegend als Religionsgemeinschaft zu verstehen sei, ist seit dem 19. Jahrhundert Gegenstand vielfältiger wissenschaftlicher und ideologischer Kontroversen inner- und außerhalb des Judentums. Zuletzt hat der israelische Historiker Shlomo Sand in seiner Kritik am zionistischen Geschichtsbild die These von der Religionsgemeinschaft vertreten. Entsprechende demographische Berechnungen für die Antike entbehren jedoch der wissenschaftlichen Grundlage. Unter christlicher Herrschaft waren Übertritte zum Judentum äußerst selten und unter islamischer vollkommen ausgeschlossen.
 

Literaturhinweise und Links


Karte von Eretz Israel in einer Amsterdamer Haggadah 1695. Wikimedia Commons. - Siehe bei den Literaturhinweisen/Links.


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Letzte Änderung: 21.09.2015