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Zuflucht in Shanghai

Die Tatsache, dass die chinesische Stadt Shanghai für Tausende von Juden 1938-41 zur letzten Zufluchtsstätte für die Auswanderung aus Deutschland wurde, war bis vor einiger Zeit wenig bekannt. Seit den 1990er Jahren mehren sich die Publikationen von Zeitzeugenberichten und wissenschaftlichen Forschungen dazu.

Bis zum Frühjahr 1941 war als Juden verfolgten Deutschen die Auswanderung noch möglich, sie wurde sogar von den NS-Behörden gewollte. Aber die Aufnahme in den europäischen Nachbarländern und vor allem im Wunschziel USA gestaltete sich durch deren restriktive Einwanderungsbestimmungen immer schwieriger. Seit dem Frühjahr 1939 wurde auch die Einwanderung nach Palästina von der britischen Mandatsmacht auf ein Minimum beschränkt. Hinzu kamen die finanziellen Probleme, die sich für alle Auswanderer stellten, extrem verschärft durch die Auflagen der NS-Gesetzgebung („Reichsfluchtsteuer“, Devisenausfuhrbeschränkungen u.a.m.), die zu einer Ausplünderung der Emigranten führten.

Angesichts der bürokratischen Hürden andernorts bot Shanghai eine einzigartige Möglichkeit zur Einwanderung. So hieß es im dem im Oktober 1938 (kurz vor dem Novemberpogrom) herausgegebenen Philo-Atlas – Handbuch für die jüdische Auswanderung im Stichwort „China“: „Bei Niederlassung in d. internationalen Zone Schanghais ist kein ch.[inesisches] Visum erforderlich (Einreise dahin ohne ch. Visum nur auf d. Seeweg möglich).“ Im Hafen von Shanghai konnte man einfach das Schiff verlassen und ohne Kontrolle an Land gehen. Anschließend mussten die Einwanderer dieselben Probleme bewältigen wie andernorts auch, nämlich Wohnung und Arbeit finden.

Diese Besonderheit erklärt sich durch die Internationalisierung der Innenstadt und des Hafengebietes von Shanghai im Zuge des kolonialen Zugriffs durch die europäischen Mächte, die USA und später auch Japan seit dem 19. Jahrhundert. Weite Teile des alten Stadtgebietes waren als „internationale Konzessionen“ an die fremden Mächte rechtlich vom chinesischen Hoheitsgebiet abgetrennt und dem jeweiligen Recht der Kolonialmacht unterstellt worden. Während die französische Zone unabhängig blieb, schlossen sich die anderen zum International Settlement zusammen.

Im Zuge des japanisch-chinesischen Krieges seit Ende Juli 1937 wurde Shanghai in einem drei Monate dauernden  Kampf (Mitte August bis Mitte November 1937) gegen eine unerwartet heftige chinesische Verteidigung von den japanischen Streitkräften erobert. Bis zum Angriff auf Pearl Harbor am 10.12.1941 und dem damit einsetzenden Krieg Japans nicht nur gegen die USA, sondern auch gegen Großbritannien, blieb jedoch die internationale Zone Shanghais politisch neutrales Gebiet. Dies ermöglichte jüdischen Flüchtlingen noch in letzter Minute aus Europa nach Shanghai zu fliehen, als in Europa der 2. Weltkrieg bereits im Gange war.

Shanghai hatte eine alte jüdische Gemeinde, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts von eingewanderten Juden aus dem arabischen Raum gegründet worden war. Zu diesen ca. 1000 sogenannten „Bagdad-Juden“ stießen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Tausende jüdischer Einwanderer aus Russland und der Mandschurei nach deren Eroberung durch Japan 1931. Im Oktober 1938 verzeichnete der Philo-Atlas 7000 dort lebende Juden und drei Synagogen (Eintrag „Schanghai“).

Die große Welle der Auswanderer bzw. Flüchtlinge – die Kategorien sind schwer zu trennen – aus Deutschland kam nach dem Novemberpogrom und erreichte im August 1939 kurz vor dem Überfall auf Polen ihren Höhepunkt. Viele kamen aus Österreich, das seit dem 13. März 1938 dem Deutschen Reich „angeschlossen“ war und dessen jüdische Bevölkerung sich von einem Tag auf den anderen einer vollkommen neuen Situation gegenüber sah. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei mit der Annexion des tschechischen Teils („Protektorat Böhmen-Mähren“) kam dann im März 1939 noch hinzu. Ca. 18.000 Flüchtlinge kamen insgesamt seit 1938 nach Shanghai, darunter auch nicht-jüdische politische Flüchtlinge, andere Schätzungen gehen bis zu 30.000, entbehren jedoch einer seriösen Grundlage. Die Schwierigkeiten liegen in der melderechtlichen Erfassung und in der Vermischung der vorher ansässigen jüdischen Gemeinde mit den neu angekommenen Flüchtlingen. Letzten Endes war Shanghai für alle nur eine Zwischenstation, einige konnten jedoch relativ schnell weiterreisen. Japanische Behörden zählten bei der Erfassung der Bewohner des 1943 eingerichteten Ghettos 14.146 Personen (November 1944) (Angaben nach Armbrüster/Kohlstruck/Mühlberger, S.13f.).

Anfangs wurden die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland noch als „deutsche Staatsangehörige“ nach dem Status der Nürnberger Gesetze geführt und mussten sich bei der deutschen Botschaft registrieren lassen, wenn ihre Pässe mit dem eingestempelten „J“ gültig bleiben sollten. Mit der XI. Änderung des Reichsbürgergesetzes vom 25.11.1941 verloren sie die Staatsangehörigkeit und wurden staatenlos. Nach Pearl Harbor drängten die deutschen Behörden die japanische Regierung zu einer schärferen antisemitischen Politik. Im Juli 1942 soll SS-Standartenführer Josef Meisinger, berüchtigt durch seinen vorherigen Einsatz im besetzten Polen als „Schlächter von Warschau“ und seit April 1941 Leiter der Auslandsdienste des SD und der Gestapo für Ostasien in Tokio, dem japanischen Vize-Konsul in Shanghai, Shibata Mitsugi, Vorschläge zur Ermordung der Juden unterbreitet haben. Im Februar 1943 wurden jedoch nur Aufenthaltsbeschränkungen für alle „Staatenlosen“ verfügt, die in ein Areal des Stadtteils Hongkou (engl. Schreibweise Hongkew) zwangseingewiesen wurden. Dieses Shanghaier Ghetto ist jedoch in keiner Hinsicht mit den Ghettos im besetzten Polen zu vergleichen: Der Kontakt zur Außenwelt blieb nach wie vor bestehen, wenn man auch das Ghettio nur  mit besonderer Genehmigung verlassen durfte, und den Flüchtlingen ging es noch besser als den „Bagdad-Juden“, die aufgrund ihres britischen Passes als Kriegsgegner in ein Gefangenenlager interniert wurden.

Die Erwerbstätigkeit der Immigranten umspannte die gesamte Bandbreite vom einfachen Hilfsarbeiter über handwerkliche Tätigkeiten bis zu erfolgreichen Gastronomen oder Geschäftsleuten. Es gab Theateraufführungen, Opern und sogar einer Tageszeitung, dem Shanghai Jewish Chronicle – Zeitung für die Juden in Ostasien. Trotz der erheblichen Einschränkungen durch die Ghettoisierung und die angespannte Versorgungslage, wonach den Ghettobewohnern „im Schnitt nur 1200-1300 Kalorien pro Tag zur Verfügung standen“ (Blumenthal, S.465), konnte ein kulturelles Leben aufrechterhalten werden, für viele auch als eine Simulation des Lebens davor, das unwiederbringlich verloren war. Die Identifikation mit der deutschen Kultur, der viele bis zum Schluss anhingen, war schlagartig vorbei, als sie 1945 vom Ausmaß des Holocaust erfuhren, dem viele Angehörige und Freunde zum Opfer gefallen waren.


Straße im Ghetto von Shanghai 1943.


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