Sehr geehrte Besucher,
Sie benutzen den Internet Explorer in der Version 6 oder kleiner. Dieser Browser ist mehr als 10 Jahre alt und wird von unserer Website nicht mehr unterstützt. Es kann daher zu Darstellungsproblemen kommen.

Um unsere Website in Ihrer vollen Schönheit betrachten zu können, bitten wir Sie, Ihre Browsersoftware zu aktualisieren.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Pädagogisches Zentrum Frankfurt am Main
background image
Header Pädagogisches Zentrum Frankfurt am Main
Logo Pädagogisches Zentrum Frankfurt am Main
      
Stichwort des Monats
Novemberpogrome 1938

Vor 75 Jahren fanden in ganz Deutschland gewalttätige Ausschreitungen gegen jüdische Deutsche statt. Sie waren von der NS-Staatsführung initiiert und organisiert, propagandistisch inszeniert als angeblich „spontaner Ausbruch des Volkszornes“. Zahlreiche NS-Aktivisten lebten in diesen Tagen öffentlich und ungebremst ihren Sadismus an wehrlosen Menschen aus und setzten ihre Gewaltphantasien in Realität um. Etwa 1.500 jüdische Deutsche verloren im Verlaufe der Novemberpogrome ihr Leben.
Als Vorwand und willkommene Rechtfertigung für bereits anvisierte Pogrome nahm die NS-Führung die Schüsse des 17-jährigen Herschel Grünspan auf Ernst vom Rath, den 29-jährigen Legationssekretär der Deutschen Botschaft in Paris, bzw. dessen Tod zwei Tage später am 9. November 1938. Insbesondere in und um Kassel kam es bereits am 7. und 8. November zu antijüdischen Ausschreitungen, die von der NSDAP-Gauleitung gesteuert waren. Reichsweit begannen die staatlich organisierten terroristischen Aktionen in den frühen Morgenstunden des 10. November und erstreckten sich auf den gesamten Tag.
Jüdische Gotteshäuser wurden am 10. November 1938 von Männern der SA, der SS, von NSDAP-Mitgliedern sowie von HJ-Führern und HJ-Jugendlichen - in Zivil getarnt - entweiht, geschändet. Sie zerschmetterten die Inneneinrichtungen der Synagogen und legten Feuer an die Gebäude, die bis auf die Außenmauern niederbrannten. Die Feuerwehr löschte die Brände nicht, sondern verhinderte lediglich das Übergreifen des Feuers auf Nachbargebäude. Mehr als 1.500 jüdische Gotteshäuser wurden an diesem 10. November 1938 zerstört. Jahrelang wurde fälschlicherweise immer wieder an viel geringere Anzahl zerstörter Synagogen verbreitet.
An mehrere Tausend Geschäften und Betrieben jüdischer Inhaber wurden die Schaufensterscheiben eingeworfen, die Inneneinrichtung beschädigt und geplündert. An den Plünderungen beteiligten sich auch Menschen, die nicht zu den NS-Terrorkommandos gehörten.
Jüdische Familien wurden in ihren Wohnungen überfallen und gedemütigt, die Wohnungs-Einrichtungen zerschlagen. Aus manchen kleineren Orten wurden die jüdischen Bewohner auch brutal herausgeprügelt.
Manchmal gelang es, hilfsbereiten nichtjüdischen Mitbewohnern in Mietshäusern, die Schlägertrupps mit falschen Auskünften zu täuschen. Nicht selten standen aber auch hilfreiche Nachbarn den Verfolgten zur Seite. Vielfach waren sie aber in ihrer Not ganz auf sich allein gestellt. Mindestens hundert jüdische Menschen wurden direkt bei den Ausschreitungen  getötet, andere nahmen sich aus Verzweiflung das Leben.
In diesen Novembertagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer verhaftet. In Frankfurt am Main dauerte diese Jagd auf jüdische Männer fast eine ganze Woche an.
Bei den Verhaftungen wurden die jüdischen Männer in den Haftstätten häufig erniedrigenden Ritualen und Verhöhnungen ausgesetzt. Sie wurden in die KZs Buchenwald bei Weimar, Dachau bei München oder Sachsenhausen bei Berlin verschleppt. Dort lebten sie unter katastrophalen Umständen, viele Männer zerbrachen seelisch daran. Die Frauen und Kinder wussten oft nicht, wo ihre Ehemänner und Väter waren und suchten verzweifelt, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Einigen Männern wurde systematisch ihr Besitz abgepresst. Mehrere hundert starben in diesen Wochen. Die meisten wurden nach einigen Wochen entlassen mit der Auflage, Deutschland zu verlassen.
Jüdische Friedhöfe wurden entweiht und geschändet.
Das brutale zerstörerische Vorgehen der NS-Aktivisten rief in der „übrigen“ Bevölkerung mehrheitlich wohl Ablehnung hervor in Kombination mit Passivität. „Die Ablehnung“ – so die Einschätzung des Historikers Peter Longerich – „war insbesondere zu spüren in katholischen Kreisen (wo man sich als potentielles Opfer des NS-Terror wähnte), unter Arbeitern sowie in bürgerlichen Schichten, die dem ‚Radau-Antisemitismus‘ traditionell ablehnend gegenüberstanden.“ (Politik der Vernichtung, S. 205)
Die Schäden der Ausschreitungen betrugen mehr als 45 Millionen Reichsmark. Der NS-Staat beschlagnahmte diese Versicherungsleistungen. Außerdem erzwang er von den jüdischen Deutschen, die einige Monate zuvor ihr Vermögen ab 5.000 RM hatten offenlegen müssen, in den folgenden Monaten noch Sonderzahlungen in Höhe eines Viertel ihres persönlichen Vermögens. Das war insgesamt mehr als eine Milliarde Reichsmark.
Ihre Geschäftsbetriebe mussten die jüdischen Inhaber unter Preis verkaufen oder schließen. Die Existenznot vergrößerte sich, da viele bereits in den Jahren zuvor wegen der zurückgehenden Kundenzahlen von der Substanz ihres Geschäftes gelebt hatten. Die Öffentliche Fürsorge schloss jüdische Bedürftige aus.
Nach dem Novemberpogrom wurde jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen für verboten. Das betraf auch christliche Kinder, die von den Nazis als jüdisch klassifiziert worden waren.
Nach den brutalen Überfällen suchten viele jüdische Familien Zuflucht in die Großstädte. Für Kinder und Jugendliche schaffte die jüdische Selbsthilfe Unterrichts- und Ausbildungsmöglichkeiten.
Nach den Berichten in der ausländischen Presse über die ungeheuerlichen Vorgänge bildeten sich insbesondere in Großbritannien Hilfskomitees, die versuchten, Kinder und Jugendliche aus Nazi-Deutschland herauszubringen.
Unmittelbar nach den gewalttätigen Vorgängen der Novemberpogrome entschlossen sich zahlreiche jüdische Menschen, Nazi-Deutschland zu verlassen. Doch war dies nur unter erschwerten Bedingungen möglich: Es musste ein Land gefunden werden, das ein Visa zur Aufnahme von Flüchtlingen erteilte.  Einige Monate zuvor hatte auf Initiative des amerikanischen Präsidenten eine internationale Konferenz in Evian stattgefunden, auf der 32 Staaten darüber beraten hatten, wie die Situation jüdischer Verfolgter verbessert werden könnte. Die meisten Staaten lehnten besondere Möglichkeiten ab, die internationale Staatengemeinschaft versagte. Für viele der Verfolgten begann ein jahrelanger verzweifelter Prozess der Suche nach Möglichkeiten auszuwandern.
Die Novemberpogrome 1938 waren für die jüdischen Deutschen das Schlimmste das sie seit Beginn der NS-Diktatur erlebt hatten, ihre schrecklichsten Vorstellungen waren übertroffen worden. Aus der heutigen Perspektive stellen sich die Novemberpogrome als „Anfang vom Ende“ dar. Die reichsweiten gewaltsamen Verschleppungen in Ghettos und Vernichtungslager in den von Deutschland besetzten Gebieten begannen Mitte Oktober 1941.
 


© Stadtarchiv Eschwege


Veranstaltungskalender
Juli 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
  01 02
03 04 05 06 07 08 09
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
25 26 27 28 29 30
31  

Pfeil nach rechtsAA





Pädagogisches Zentrum
Fritz Bauer Institut &
Jüdisches Museum Frankfurt

Seckbächer Gasse 14
60311 Frankfurt am Main
Tel. 069-212 74237
pz-ffm[at]stadt-frankfurt.de





© ® 1999-2017 Pädagogisches Zentrum
Frankfurt am Main
Letzte Änderung: 21.09.2015