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Stichwort des Monats
Ostjuden

Der Begriff "Ostjude" fand im ersten Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts im deutschen Sprachraum Verbreitung und setzte sich im Ersten Weltkrieg  im Zusammenhang mit der deutschen Okkupation Polens durch, auch in den Verbindungen "Ostjudengefahr" und "Ostjudenfrage". Dabei war die Besetzung des Begriffes fast durchweg negativ. Die Ostjuden galten als das Gegenbild des modernen, emanzipierten deutschen Juden. Die Ostjuden wurden zum besonders sichtbaren Objekt des Judenhasses der Antisemiten und Nationalsozialisten. Als Stereotyp war der "Ostjude" so verbreitet, dass allein die Bezeichnung einer Person als Ostjude entsprechende Assoziierungen verursachte. Während der Revolution 1918/19 wurde bei einer Reihe jüdischer Revolutionäre hämisch auf deren ostjüdische Abstammung hingewiesen. Der in Berlin geborene Führer der Revolution in Bayern, Kurt Eisner, wurde als "galizischer Jude" oder "landfremder Jude" tituliert.
Antisemiten verknüpften den Begriff auf verschiedene Weise mit einzelnen oder der Gesamtheit der Juden, um in abfälliger Weise auszudrücken, die jüdischen Bürger seien letztlich alle "Ostjuden" oder deren Nachfahren. Die Benutzung des Ostjudenstereotyps als nicht akkulturierten Juden ist jedoch nur ein Element. Während der Zwanziger Jahre drückte die Bezeichnung "Ostjude" nicht in jedem Fall Ablehnung aus, sondern bezeichnete in gewissen Kreisen höchste Wertschätzung. Auch war sie nicht zuletzt das Selbstverständnis vieler Einwanderer: Sie gründeten ihre eigenen Verbände. Als überregionaler Verband gründete  sich im Jahr 1919 der "Verband der Ostjuden". In der Anfangsphase nahm die zionistische Vereinigung einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklung der ostjüdischen Organisation. Im Jahre 1930 waren etwa 100 Vereine dem Verband angeschlossen. Er hatte ca. 20 000 Mitglieder. Seit Beginn der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts setzte eine verstärkte Wanderungsbewegung aus dem Osten Europas nach Westeuropa und Amerika ein. Zwischen 1880 und 1914 verließen etwa drei Millionen Juden, zumeist über deutsche Seehäfen, Osteuropa. Die Gründe für diese Wanderungsbewegung liegen vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Zusätzlich hatten antisemitische Ausschreitungen eine erhöhte  Auswanderungsbereitschaft zur Folge: So ist zu beobachten, dass nach der Vertreibung der Juden aus Moskau oder nach den Pogromen von 1881, 1903 und 1905 die Auswanderungszahl sprunghaft anstieg. Durch den Ersten Weltkrieg wurde die Not zusätzlich verschärft. Von acht Millionen Juden Osteuropas lebten vier Millionen im Kriegsgebiet.
Der enorme Bedarf an Arbeitskräften während des Ersten Weltkriegs veranlasste die deutschen Behörden, Arbeiter der unterschiedlichsten Berufsgruppen für Deutschland aus dem polnisch-russischen Okkupationsgebiet anzuwerben oder auch in die Fabriken zu zwingen, um die im Feld stehenden Arbeiter zu ersetzen oder bislang Freigestellte an die Front zu schicken. Diese Arbeiter, darunter viele Juden, wurden in der Rüstungsindustrie eingesetzt, wofür Kriegsgefangene wegen des zu hohen Sicherheitsrisikos nicht in Frage kamen. Propagandistisch hatten die deutsche und die österreichische Heeresleitung im August 1914 öffentlich proklamiert, ihr Ziel sei es, die Juden Osteuropas von der russischen Herrschaft zu befreien. Einer Denkschrift des Reichsinnenministeriums aus dem Jahre 1922 zufolge gab es 1915 ca. 50 000 ostjüdische Arbeiter in Deutschland. Bis 1922 kamen ca.  100 000 ostjüdische Arbeiter hinzu, von denen während des Krieges 30 000 eingewandert waren.
Die direkte Begegnung mit dem Ostjudentum während des Ersten Weltkrieges war für viele deutsche Juden ein persönlicher Einschnitt. An der Ostfront kamen jüdische Soldaten bei der Besetzung der polnischen, litauischen und weißrussischen Gebiete in direkten Kontakt mit ihren osteuropäischen Glaubensbrüdern. Sie waren beeindruckt von der Gastfreundschaft, der innigen jiddischen Frömmigkeit, der Solidarität, die ihnen entgegengebracht wurden. Der Krieg veränderte die Voraussetzung für die künftige Auseinandersetzung mit der "Ostjudenfrage". Eine vorher eher abstrakte Frage wurde zur persönlichen Angelegenheit. Insbesondere in den Reihen der Zionisten wurde der Ostjude zu einem Gegenmythos, das Bild des Ostjuden wurde geradezu romantisiert. Konkrete politische Berührungspunkte zwischen Ostjuden und Zionisten gab es nicht.
Deutschland war in erster Linie ein Land der ostjüdischen Durchwanderung. Die Zahlen geben nur eine beschränkte Auskunft, da sie eine Momentaufnahme darstellen. Die Ortsgruppe des Verbandes der Ostjuden in Breslau stellte bereits 1921 eine starke Rückwanderung nach Osteuropa fest, die durch die Arbeitslosigkeit in Deutschland und den Friedensschluss zwischen Sowjetrussland und Polen verursacht gewesen sei. In der Tat war Deutschland kein gastliches Pflaster für die Ostjuden. Neben den alltäglichen Anfeindungen waren es auch häufig wirtschaftliche Gründe, die die Ostjuden bewegten, weiter zu migrieren. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisation Deutschlands versorgte mittellose Flüchtlinge mit Essen und Übernachtungen, verteidigte deren legale Rechte und versuchte, in Kontakt mit osteuropäischen Diplomaten Pässe zu bekommen. Denjenigen, die Deutschland nicht verlassen wollten, versuchte das Arbeiterfürsorgeamt bei der Arbeitssuche zu helfen. Die Haltung der Mehrheit der deutschen Juden war ambivalent. Die meisten deutschen Juden wahrten gesellschaftliche Distanz, gewährten aber den Ostjuden rechtliche und materielle Hilfe.
Die steigende Zahl der Ostjuden zu Beginn des Jahrhunderts veränderte die Sozialstruktur der Gemeinden und provozierte innerjüdische Spannungen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg, in den Jahren 1912-1914, war eine Auseinandersetzung um das Wahlrecht der ausländischen Juden in den Gemeinden losgebrochen, die bis in die dreißiger Jahre anhalten sollte. "Liberale" Gemeindevertreter versuchten, den Ostjuden das Wahlrecht auf Gemeindeebene vorzuenthalten oder einzuschränken. Die Zionisten kämpften dagegen als Fürsprecher der Ostjuden.




Talmuddisput. Radierung aus der Mappe "Ostjüdische Typen" von Wilhelm Taubert ©Jüdisches Museum Frankfurt


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Letzte Änderung: 21.09.2015