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Ausgerechnet Deutschland? Jüdisch-russische Einwanderung nach Deutschland seit 1989

„Im Sommer 1990 breitete sich in Moskau ein Gerücht aus: Honecker nimmt Juden aus der Sowjetunion auf, als eine Art Wiedergutmachung dafür, dass die DDR sich nie an den deutschen Zahlungen für Israel beteiligte … Es sprach sich schnell herum, alle wussten Bescheid, außer Honecker vielleicht.“ (Wladimir Kaminer)
Dieses Zitat des russisch-jüdischen Schriftstellers Wladimir Kaminer beschreibt auf literarische Weise – wenn auch nicht unbedingt faktengetreu – eine für das deutsche Judentum wichtige Entwicklung: die Einwanderung  einer großen Zahl von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den 90er Jahren.
Einhergehend mit dem steigenden Antisemitismus in der Sowjetunion reisten 1990  Juden zuerst vor allem in die DDR ein. Sie baten bei der Jüdischen Gemeinde in Ostberlin um Aufnahme und Hilfe. Am 11. Juli 1990 beschloss die DDR-Regierung, Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die Einreise und den ständigen Aufenthalt zu gewähren. Mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde die Aufnahme der Juden dann  von der Bundesrepublik und den Bundesländern geregelt.
Zuwanderungsberichtigt waren demnach alle Personen, die nach staatlichen Personenstandsurkunden selbst jüdischer „Nationalität waren oder mindestens von einem jüdischen Elternteil abstammten“.  In der ehemaligen Sowjetunion galt „jewrej“ (jüdisch) als Nationalität im Sinne von Volkszugehörigkeit. Es wurde entschieden, dass die Einreise ohne zahlenmäßige und zeitliche Begrenzung, aber entsprechend der Aufnahmekapazitäten der einzelnen Bundesländer genehmigt wurde. Zugrunde lagen Einzelfallentscheidungen in entsprechender Anwendung des deutschen Kontingentflüchtlingsgesetzes. So erhielten die jüdischen Migranten mit ihrer Aufnahme grundsätzlich den Status eines Flüchtlings nach der Genfer Flüchtlingskonvention, mit dem sie auch Anspruch auf bestimmte Vergünstigungen (wie Sprachkurse, Unterbringung, Sozialhilfe) hatten. Damit einher ging eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Nichtjüdische Ehegatten, minderjährige Kinder und unverheiratete volljährige Kinder, die im Haushalt des Aufnahmeberechtigten lebten, konnten ebenfalls einreisen. Auf dieser Rechtsgrundlage sind bis heute etwa 220.000 Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik gekommen. Etwa 80.000 wurden in den jüdischen Gemeinden Deutschlands aufgenommen. Warum wurden nicht alle Einwanderer Gemeindemitglieder? Nach jüdischem Religionsgesetz ist nur derjenige Jude, der eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert ist. Gemäß dieser Maßgabe waren viele Einwanderer nicht jüdisch und hätten somit zum Judentum übertreten müssen. Dieser Weg erschien vielen zu mühsam.
Die Einwanderung der Juden aus der Post-Sowjetunion hat das jüdische Leben in Deutschland völlig verändert. Vor 1990 lebten in der Bundesrepublik nur etwa 30.000 Juden. Daher war es eine große Herausforderung für die jüdischen  Gemeinden, so viele Zuwanderer aufzunehmen, zum anderen garantierte gerade diese Aufnahme das Weiterleben vieler kleinerer  Gemeinden, die sonst wegen der Überalterung ihrer Mitglieder nicht mehr lange existiert hätten. So entstanden neue jüdische Gemeinden in Dresden, Leipzig, Oldenburg, Hanau. Die steigenden Mitgliederzahlen führten zur Gründung von weiteren jüdischen Schulen und Kindergärten.
Der meisten Einwanderer stammten aus dem städtischen Milieu und waren überdurchschnittlich hoch gebildet und beruflich qualifiziert. Die Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen in Deutschland ist schwierig und hoch bürokratisch. Daher konnten die Menschen in ihren bisherigen Berufen   nicht weiterarbeiten.  Auch war die Integration in das Gemeindeleben nicht immer leicht. Deutschkenntnisse fehlten, und so bildeten sich vielerorts russische Kulturenklaven, die zu einer Abschottung der neuen Mitglieder führten. Dies wiederum stieß auf Unverständnis und Widerstand bei den alteingesessenen Gemeindemitgliedern.
So wie die deutsche Bevölkerung infolge von Immigration und Asyl zunehmend heterogen wird, entwickelt sich auch das jüdische Leben in Deutschland komplex und facettenreich. Hierbei entstehen aber auch Konflikte. Die Zuwanderung veränderte das Selbstverständnis der bereits in Deutschland lebenden Juden. Die jüdische Gemeinschaft der Nachkriegszeit (1945-1989), die überwiegend aus Holocaust-Überlebenden und deren Kindern bestand, wollte und konnte sich in vielen Fällen nicht mit Deutschland und dem Attribut deutsch identifizieren. Das Trauma der Shoah, das alle teilten, war zugleich auch identitätsstiftend. Mit der Ankunft der russischen Juden steht eine zweite historische Erfahrung neben der Erinnerung an die Shoah: die an den „Großen Vaterländischen Krieg“, den 500.000 Juden als Soldaten der Roten Armee miterlebt hatten. So hat sich der 9. Mai als Tag der Befreiung zu Jom ha Shoah  (Holocaust Gedenktag) und dem 9. November (Reichspogromnacht) gesellt. Dann präsentieren weibliche und männliche Veteranen stolz ihre blitzenden Orden in den Gemeinden.
Die jüdischen Gemeinden standen und stehen vor großen Aufgaben und Herausforderungen. Die zentrale Frage dabei: Wie kann es gelingen, verschiedene Aspekte des  Judentums zu vermitteln, gemeinsam zu erleben und dabei jüdische Identität zu festigen? Die aktuelle Situation erlaubt eine positive Prognose. Wie niemals zuvor gibt es heute in Deutschland religiöse, kulturelle, politische, künstlerische und pädagogische Angebote, die in ihrem Spektrum alle Formen möglicher jüdischer Identitätsbildung ermöglichen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen,  könnte in Deutschland ein Judentum entstehen, das der Historiker Dmitrij Belkin „Deutsches Judentum 2.0“ nennt - der Beginn eines neuen Kapitels deutsch-jüdischer Geschichte.




Veteranin und Veterane der Roten Armee im jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt am Main, 2009,©Jüdisches Museum Frankfurt


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Letzte Änderung: 21.09.2015