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"Judenzählung" 1916

Am 11. Oktober 1916 ordnete das preußische Kriegsministerium eine statistische Erhebung über die Dienstverhältnisse der deutschen Juden während des Krieges an. Der amtliche Titel der Zählung lautete „Nachweisung der beim Heere befindlichen Juden“.  In seiner Begründung für den Erlass bezog sich Kriegsminister Weil von Hohenborn auf angebliche „Klagen“ aus der Bevölkerung, wonach sich „eine unverhältnismäßig große Zahl wehrpflichtiger Angehöriger des israelitischen Glaubens“ unter vielerlei Vorwänden dem Heeresdienst entziehe. Die Erklärung des Ministeriums, es wolle mit dieser Zählung die jüdischen Soldaten in keiner Weise diskreditieren, sondern Material zur Widerlegung antisemitischer Angriffe sammeln, war jedoch kaum glaubwürdig. Auf solche Beschwerden der Bevölkerung war das Ministerium niemals so bereitwillig eingegangen.  

Der zu Kriegsbeginn offiziell proklamierte „Burgfrieden“ währte nicht lange. Bereits am 28. August 1914 forderte der rechtsradikale „Reichshammerbund“ seine Mitglieder auf, „Kriegsmitteilungen“ zu machen, um gegen die vermeintliche jüdische Gefahr und die drohende Verschwörung des Weltjudentums gewappnet zu sein. 1916 war der Krieg längst in einen brutalen Stellungskrieg übergegangen, für den heute symbolisch der Name Verdun steht. Statt des schnell erwarteten Kriegserfolges kam es zu verlustreichen Schlachten. Mit der sich verschlechternden Kriegssituation und der immer schwierigeren Versorgungslage gewannen antisemitische Organisationen weiteren Einfluss. Eine Vielzahl an Flugblättern und Pamphleten bestritt, dass Juden jemals vollwertige Mitglieder der deutschen Nation werden könnten und schürten Zweifel an ihrem Patriotismus. Der Frankfurter Fabrikant Jacob Epstein notierte am 16. Mai 1916 in sein Tagebuch: „Es tritt gerade jetzt auch die flache Gemeinheit, die Rohheit und die Lüge so krass hervor. Auch der lauernde, giftige Antisemitismus.“  

Auf diesen Stimmungsumschwung reagierte auch der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger im Haushaltsausschuss des Reichstags und forderte im Oktober 1916 eine genaue Aufschlüsselung der in den Kriegsgesellschaften tätigen Personen nach Alter, Geschlecht, Einkommen und Religion. Der Antrag wurde zwar abgelehnt, war aber weiter Wasser auf die Mühlen der Antisemiten; das preußische Kriegsministerium hatte bereits einige Tage vor Erzbergers Antrag eine Zählung angeordnet. Als Stichtag für die Erhebung wurde der 1. November 1916 festgesetzt. Die einzelnen Generalkommandos versandten  unzulängliche Fragebögen, so dass die Erhebung schon dadurch zu falschen Ergebnissen führen musste, da eine genaue Anleitung, wie die Befragung durchzuführen sei, fehlte. Namensangaben wurden nicht verlangt, die Erhebung blieb den Kommandostellen überlassen. Dort, wo Antisemiten für die Bearbeitung zuständig waren, wurden ohne Zögern Verwundete, Kriegsbeschädigte und Abkommandierte als Etappensoldaten, als Soldaten hinter der Front, gezählt.   

Der Effekt auf die jüdische Bevölkerung war verheerend und beschäftigte diese nachhaltig. Für die sozialdemokratische Frankfurter Stadtverordnete Henriette Fürth war sie Anlass zu einem Gedicht mit dem Titel „Judenzählung“: „Nun zählt ihr uns.  Wir wollen’s nicht ertragen. / Was taten wir, daß man uns das getan? Wie durftet ihr nach dem Bekenntnis fragen? Wir fragten nicht in jenen hohen Tagen: Für’s Vaterland ward’s ungefragt getan“. (Liberales Judentum, Januar 1917). Der Protest der Juden in Baden führte immerhin dazu, dass die badische Regierung die Zählung nicht durchführen ließ.

Die Zionisten bekundeten ebenso wie der Centralverein zu Kriegsbeginn ihre nationale Haltung. IM weiteren Verlauf sahen sie sich in ihren Befürchtungen bestätigt, „dass der deutsche Antisemitismus während des Krieges nicht abgenommen habe, und dass die Hoffnungen auf eine Besserung der politischen Stellung der deutschen Juden nach dem Kriege verfrüht seien.“ Ihre Stellungnahme verbanden sie mit einer Kritik an der patriotischen Haltung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und forderten erneut die „Erlösung der Juden aus ihrer Vereinzelung durch Konzentrierung auf einem gemeinsamen Territorium“, sprich die Gründung eines jüdischen Staates.

Anfang November 1916 notierte der Frankfurter Jude Siegfried Auerbach in sein Kriegstagebuch: „Der Erlass ist so geschickt redigiert, dass aus ihm nicht zu ersehen ist, welche Tendenz das Kriegsministerium verfolgt, und ob es von vorne herein die Klagen für berechtigt hält oder nicht. Das Ergebnis wird zweifellos nicht veröffentlicht werden, aber es wird vielleicht nach dem Kriege für antisemitische Propaganda Verwendung finden.“  Mit seiner Vermutung hatte Auerbach Recht.  Die Ergebnisse wurden nie veröffentlicht. Bald kursierten Gerüchte, die Veröffentlichung erfolge nicht aus Rücksicht auf die Juden, denn sie habe „vernichtende“ Ergebnisse gezeigt. Das Ministerium unterließ es, trotz des Drängens jüdischer Organisationen, ein klärendes Wort zu veröffentlichen.

Im Dezember 1918 kam es zur Gründung des „Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“, dieser verweigerte jüdischen Soldaten die Aufnahme. Einen Monat später gründete sich der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. In seinem Gründungsaufruf wurde resigniert festgestellt, dass offenbar die Strapazen und Opfer des Krieges umsonst gebracht worden seien, denn „gewissenlose Verleumder“ würden die jüdischen Soldaten bei der „Rückkehr von den Schlachtfeldern als 'feige Drückeberger' begrüßen“. Die „Judenzählung“ gab für viele jüdische Soldaten den Anstoß, dem neuen Bund beizutreten und kämpferisch an die etwa 12.000 deutschen Juden zu erinnern, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren.




Soldatengräber auf dem Friedhof Rat-Beil-Straße


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Letzte Änderung: 21.09.2015