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Stichwort des Monats
Damals war es Friedrich -Lektüre für die Oberstufe

Die Beliebtheit dieses 1961 erstmals erschienenen Romans von Hans Peter Richter scheint ungebrochen. Auf der Kinderseite der Bundeszentrale für politische Bildung www.HanisauLand.de haben 109 Kinder über dieses Buch abgestimmt und ihm 4 von 5 Möhren gegeben. Bei Amazon gibt es 137 positive von insgesamt 162 Kundenrezensionen. Der Roman erhält dort 4,3 von 5 Sternen. Er hat eine eigene Facebookseite mit 3442 „gefällt mir“ Klicks. Als einen der bekanntesten deutschen Jugendromane zum Nationalsozialismus gibt es ihn inzwischen in der 64. Auflage (2015) zu kaufen und er ist in 13 Sprachen übersetzt worden. In vielen Schulen gehört er noch immer zum Kanon der Deutschlektüre in den Klassen 6-8.
Ein Grund für die anhaltende Faszination dieses Werks könnte das beliebte Motiv einer Freundschaft zwischen einem jüdischen und einem nicht-jüdischen Jungen sein, welches Identifikationsmöglichkeiten für junge Leser*innen schafft. Auch könnte die übersichtliche chronologische Darstellung der Verfolgung von als Juden kategorisierten Deutschen in 32 kurzen Kapiteln ein Grund sein. Möglicherweise spielt zudem die Tatsache eine Rolle, dass die systematische Massenvernichtung ausgespart wird: Der als Jude verfolgte Protagonist Friedrich kommt bei einem Bombeneinschlag ums Leben. Nicht zu unterschätzen ist schließlich, dass der Roman noch immer in Schulen als Klassensatz bereitliegt und dazu zahlreiches Unterrichtsmaterial verfügbar ist. Erst 2013 erschienen neue Kopiervorlagen dazu im Cornelsen Verlag.
In den frühen 1960er Jahren war es eines der ersten Jugendbücher, das sich der damals etwa 15 Jahre zurückliegenden vielfältig verdrängten Judenverfolgung widmete. Es ist ein zeithistorisches Dokument, eine Quelle, um etwas über die Vergangenheitsbewältigung in den Nachkriegsjahren zu erfahren. Wenn es überhaupt in der Schule noch gelesen werden soll, dann gehört es als zu analysierendes Dokument in den Geschichts- oder PoWi-Unterricht der Oberstufe. Als Informationsquelle über die Judenverfolgung im Nationalsozialismus ist es hingegen aus vielen Gründen nicht geeignet. Die im Roman gezeichneten antisemitischen Stereotype, die starre Rollenkonstruktion und das zugrundeliegende religiöse Geschichtsverständnis können im Unterricht der Unter- und Mittelstufe kaum dekonstruierend aufgefangen werden. Ulrike Schrader (2005) und Juliane Wetzel (2010) haben in lesenswerten Aufsätzen ausführlich auf die Problematik des Jugendbuchs hingewiesen.
Anhand einiger Beispiele soll gezeigt werden, was mit einem Oberstufenkurs aus dem Roman herausgearbeitet werden könnte, gleichzeitig kann hierbei auch deutlich werden, weshalb er für jüngere Klassen als Deutschlektüre unbrauchbar ist.
Hans Peter Richter reproduziert in seinem Roman antisemitische Stereotype. Der als positive Figur gezeichnete Lehrer Neudorf klärt seine Schüler über Juden auf. Er erklärt ihnen, welche Eigenschaften im Allgemeinen Juden zugesprochen würden. Er teilt ihnen mit, den Juden werde vorgeworfen, sie seien „verschlagen“, „hinterlistig“, „geldgierig“, „betrügerisch“ und „tüchtig“ (S 64). Dann begründet er jede dieser postulierten Eigenschaften durch die weitverbreitete Sicht auf die Geschichte der Juden als Verfolgungsgeschichte: „Man behauptet, die Juden seien geldgierig und betrügerisch! Müssen sie das nicht sein? Immer wieder hat man sie beraubt und enteignet, immer wieder mußten sie auf der Flucht alles zurücklassen, was sie besaßen.“ (64) Damit bestätigt er die Vorurteile, zu denen er zunächst eine gewisse Distanz einnimmt.
Im gesamten Roman werden die Vorurteile nicht in Frage gestellt. Die als Juden verfolgte Familie Schneider mag auf den ersten Blick wie ein Korrektiv wirken. Aber auch sie erfüllt das Klischee der wohlhabenden Juden im Gegensatz zu der ärmeren nichtjüdischen Familie, wobei unklar bleibt, woher die jüdische Familie ihr Geld hat. Zudem ist Friedrich schlauer als der nichtjüdische Ich-Erzähler und hilft ihm bei den Schulaufgaben und die Tüchtigkeit der Familie wird herausgestellt, wenn Friedrich und sein Vater Lampen reparieren (S.99). So mündet die positive Zeichnung der Figuren in philosemitische Klischees und betont somit bloß die andere Seite der Medaille.
Der Roman nutzt klassische `Täter´- `Mitläufer´- `Opfer´- Rollenkonstruktionen. Als Friedrich im Luftschutzkeller Schutz sucht, möchte Herr Resch, der als Klischee des `bösen´ Nazis erscheint, ihn in seiner Funktion als Luftschutzwart hinauswerfen. Währenddessen rufen ein Wehrmachtsangehöriger und alle anderen im Keller: „Er soll den Jungen drin lassen!“ (S.128). So wird ein Bild gezeichnet von den moralisch auf der richtigen Seite stehenden `Mitläufern´ und `Zuschauern´ (Wehrmachtsangehörige inbegriffen) und dem angsteinflößenden „bösen“ Nazi. Das ist das dominante Narrativ der Zeit um 1960.
Die sich ihrem Schicksal fügenden `Opfer´ bieten in dem Roman keine Anknüpfungspunkte für Fragen nach Selbstbehauptung oder gar Widerstand. Friedrich verlässt schließlich „freiwillig“ (S.128) den Luftschutzkeller und stirbt bei einem Bombeneinschlag.
Der als Jude Verfolgte Herr Schneider versucht sich nicht gegen die zunehmende Ausgrenzung zu wehren oder auszuwandern, obwohl der nichtjüdische Vater des Ich-Erzählers ihn eindringlich warnt und ihm rät, das Land zu verlassen. Herr Schneider dankt ihm für seine Offenheit und erklärt, er wolle „dulden“ und „ausharren“ lernen. Somit ist der Vater von möglicher Verantwortung für alles befreit, was zukünftig geschehen könnte. Er hat es gut mit ihm gemeint und ihn gewarnt. Der Verfolgte entscheidet sich wider besseres Wissen selbst für sein schlimmes Schicksal (S.74).
Die Entlastung von `Mitläufern´ und `Zuschauern´ funktioniert also in doppelter Hinsicht: Zum einen gibt es eine klare Abgrenzung der Mehrheit der Deutschen zu den `bösen Tätern´, zum anderen entscheiden sich die `Opfer´ selbst für ihr Schicksal.
Die starre Rollenzuteilung kommt einer Leserschaft entgegen, die wesentlich nach Entlastung von Schuld sucht. Fragen, die in der Geschichtswissenschaft heute gestellt werden, wie Menschen wann und mit welchen Motiven zu `Tätern´ wurden und welche Grauzonen zwischen `Mitläufern´, `Zuschauern´ und `Tätern´ lagen und welche Normverschiebungen stattfanden, lassen sich mit dem Roman nicht bearbeiten.
Nicht nur anhand der starren Rollenaufteilung kann in dem Buch die literarische Verarbeitung der Schuldabwehr und der Suche nach Entlastung der 1960er Jahre herausgearbeitet werden. In dem Kapitel „Gründe“ sucht der Vater des namenlosen Ich-Erzählers das Gespräch mit seinem als Juden verfolgten Nachbarn Herr Schneider. „Schuldbewußt“ teilt der Vater Herrn Schneider mit, dass er in die Partei eingetreten sei (S.74). Dieser entgegnet „Ich verstehe sie sehr, sehr gut“ und erklärt, er hätte es vielleicht auch gemacht, wenn er kein Jude wäre. In diesem einer Beichte ähnlichen Dialog holt der Vater sich die Absolution für den Parteieintritt von einem Verfolgten ein und entlastet sich und die mehrheitsdeutschen Leser*innen somit.
Der Roman umgeht noch auf eine andere Weise die Frage nach der Verantwortung für die Verfolgung der Juden in der NS Zeit. Herr Schneider, der Lehrer Neudorf und die beiden im Roman vorkommenden Rabbiner reihen die Verfolgung der Juden in der NS-Zeit in eine durch die Jahrhunderte immer wieder stattgefundene Verfolgung ein und erklären sie als göttliche Prüfung (S. 64, 73, 82, 114). Auch wird der Judenhass auf das zentrale antijudaistische Motiv zurückgeführt, wenn der Opa des Ich-Erzählers erklärt: „Bedenkt, die Juden haben unsern Herr ans Kreuz geschlagen“ (S.22). Der Vater des namenlosen Ich-Erzählers fragt „ … hat nicht jede Partei und jede Führung ihre Schattenseiten?“. So vermittelt der Roman die Botschaft, Geschichte sei bestimmt durch höhere nicht beeinflussbare Mächte.

In der Gesellschaft der 1960er Jahre konnte der Roman für viele als Selbstvergewisserung dienen, in der NS-Zeit am Ende doch nicht moralisch falsch gehandelt zu haben. Der Roman bietet anschauliches Material, um diese Verarbeitung der NS-Zeit in Deutschland zu rekonstruierten. Aber als Lektüre für Kinder- und Jugendliche unter 15 Jahren ist er denkbar ungeeignet.

Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust finden Sie hier.

Das Jüdische Museum Berlin hat ebenfalls Empfehlungen zusammengestellt. Auch für den Unterricht lassen sich hier Vorschläge finden:https://www.jmberlin.de/literaturempfehlungen





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Letzte Änderung: 21.09.2015