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Stichwort des Monats
Die Rolle des Antisemitismus im Prozess islamistischer Radikalisierung

Islamistische Terroranschläge, islamfeindliche Pegida-Demonstrationen, die Zehntausende von „Wutbürgern“ auf die Straßen treiben, die gegen eine in ihren Ängsten bestehende Islamisierung des Abendlandes kämpfen, und Gegendemonstrationen für mehr Toleranz und ein Deutschland der Vielfalt: All diese öffentlichen Ereignisse prägen gegenwärtig unseren Alltag und unsere Wahrnehmung. Sowohl die brutalen Terrorangriffe von IS als auch der erstarkende Rechtspopulismus führen zu einer emotionalen Aufladung der politischen Landschaft. Diese kritische Situation tendiert dazu, Gruppen, Regionen und Gemeinden zu spalten.

Dabei gerät der Islam als Religion allgemein unter Generalverdacht. Stimmen über befürchtete Demokratieunfähigkeit des „Islams“ tönen unüberhörbar aus Teilen der Dominanzgesellschaft. Daher ist Differenzierung unerlässlich und ein zentraler Schritt dahin ist es, sich mit dem „Islam“ und seinen unterschiedlichen Strömungen zu beschäftigen. Der Islam ist ebenso wie auch das Judentum und das Christentum vielfältig in seinen unterschiedlichen Richtungen und auch seiner religiösen Alltagspraxis. Die Annahme eines Islams als homogener Religionsgemeinschaft ist grundsätzlich falsch. Eine differenzierte Betrachtung hilft dem Verständnis der facettenreichen muslimischen Praxis in Deutschland und ihrer unterschiedlichen Ausprägungen.

Eine der vielfältigen Strömungen und Rechtsschulen des Islams ist der Salafismus mit seinem dogmatischen Islamverständnis und absolutistischen Wahrheitsanspruch, aus dessen Gefolgschaft sich Dschihadisten rekrutieren. Aufgrund seines extremistischen Weltbilds steht er im Visier des Staatsschutzes. Was ist Salafismus? Das Wort „salaf“ leitet sich aus dem Arabischen ab und bedeutet „die frommen Altvorderen“, Vorgänger (vgl. Elger 2006: 284). Damit sind die Nachfolger des Propheten Muhammad gemeint. Salafisten sind dem sunnitisch-wahhabitischen Islam zuzuordnen. Ihre Anhänger haben ein dogmatisches, „streng wörtliches“ Verständnis des Korans und orientieren sich insbesondere an den Überlieferungen (Sunna) des Propheten. Das bedeutet: Sie halten nur dessen Lebensweise (Interpretation, Verhalten, Kleiderordnung und gesellschaftliche Ordnung zu Lebzeiten des Propheten) für den „wahren Islam“ und kämpfen entsprechend dieses Referenzrahmens für die „Reinhaltung“ des Islams (Bundesministerium des Innern 2011: 512 ff.). Es handelt sich um eine ultraorthodoxe Strömung. Entsprechend dieses Gedanken-Konstrukts und Wertekanons werden die von Menschen gemachten Gesetze abgelehnt. Nur der Koran ist in diesem Verständnis das wahre Wort Gottes und beansprucht seine absolute Alleinstellung.

Gegenwärtig leben ca. 5 Millionen Muslime in Deutschland; der Verfassungsschutz geht von circa 7.000 Anhängern des Salafismus aus (vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz 2015), von denen nicht alle gewaltbereit sind. Aus dieser Anhängerschaft rekrutiert sich wiederum eine kleinere Gruppe gewaltbereiter dschihadistischer Salafisten. Ihnen gemeinsam ist der strenge Glaube an das Jenseits und an das Paradies. Hieraus erklärt sich auch der fruchtbare Boden für die angewandte religiöse Drohpädagogik (Bestrafungen in der Hölle). Die Welt wird im Allgemeinen als feindlich interpretiert.

Im Prozess der islamistischen Radikalisierung spielen der Antisemitismus als gemeinsames Feindbild und als Projektionsfläche zur Stabilisierung der Gruppenidentität, offene Israelfeindlichkeit und ein dumpfer Antiimperialismus eine bedeutsame Rolle. Der Antisemitismus wird als zentrale Indoktrinierungs-Ideologie instrumentalisiert. Der Antisemitismus ist heute nicht primär oder vermehrt ein Problem muslimischer Migranten. Unverhüllte, antisemitische Parolen waren z.B. während des letzten Gazakrieges auf unseren Straßen aus allen gesellschaftlichen Gruppen deutlich hörbar.

Die Narrative(Erzählung als Form der Sinngebung) zur Rekrutierung von Dschihadisten und ihren Unterstützer/innen beziehen sich auf die militärischen, kriegerischen Interventionen: in Afghanistan, Irak und seit dem „arabischen Frühling“ auch in Syrien. Ebenso spielt der immer wieder auflodernde Nah-Ost-Konflikt als Quelle von Gewalt und der Forderung nach Gerechtigkeit eine Rolle. Die Narrative des Dschihad beanspruchen für sich die Durchsetzung der langersehnten Vergeltung und Gerechtigkeit aus der Perspektive selbst ernannter Gotteskrieger. Vergeltung in Form brutaler Rache, Gerechtigkeit zum Schutz von unschuldigen Frauen, die angeblich alle vergewaltigt werden, Schutz wehrloser Kinder, sowie Unterstützung unterdrückter Glaubensbrüder. Die gewaltbereiten Dschihadisten sehen sich selbst als heldenhafte Mitglieder der imaginierten Opfergruppe.

In der Logik der antiwestlichen Haltung, die Teil dieser Narrative ist, mutiert Amerika zum großen „Scheytan“ (Teufel) und Israel, mit dem alle Juden gleichgesetzt werden, zu seinem kleinen Bruder. Dies und die Verflechtung und Bezugnahme auf Konflikte, die ihren Ursprung nicht in Deutschland haben, zeigen einmal mehr, dass wir es in Deutschland und in Europa vermehrt mit exterritorialisierten Konflikten zu tun haben.

Ferner geht es im dschihadistischen Narrativ um die Darstellung eines „weltweit[en] Kampfs zwischen Gut und Böse, zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und zwischen wahren Muslimen und Feinden des Islam. Die Welt hängt (für sie, T.K.) in einer schwankenden Balance, und Helden werden gebraucht“ (Fredholm 2011: 48).

Bei den meisten Dschihadisten, die sich aus dem Ausland den Terrorgruppen anschließen, handelt es sich um Konvertiten im engeren und erweiterten Sinne. Konvertiten im erweiterten Sinne bedeutet, dass es sich um Menschen handelt, die entweder zum Islam konvertiert sind oder Muslime, die ihre Religion als Identifikations- und Abgrenzungsfolie für sich neu entdeckt haben. Ein Großteil dieser Jugendlichen ist in einer unreligiösen, oft auch in einer eher atheistischen Familie aufgewachsen. Über den Islam haben sie häufig nur geringe Kenntnisse. Dies belegt einmal mehr, dass Religion und Ideologie in erster Linie als nachträgliche Rechtfertigung und Legitimation für Gewaltakte verwendet werden.

Missbraucht wird im besonderen Maße das Gerechtigkeitsgefühl Heranwachsender, indem die Indoktrinierung ihnen vorgaukelt, dass sie sich für eine „gerechte Sache“ einsetzen, ja, sich sogar dafür aufopfern können. Wie Superman wollen sie die Welt retten. Diese naive Kinderphantasie wird durch ihre mögliche Beteiligung am „heiligen Krieg“ greifbar und verwirklichbar. In diesem Zusammenhang sagen Jugendliche, die sich zum heiligen Krieg aufmachten: „Wie kann ich hier in Ruhe leben, wenn dort [Syrien] meine Schwestern und Mütter vergewaltigt und unschuldige Kinder ermordet werden“. Diese Aussage deutet auch darauf hin, dass die Indoktrinierung auf das Ehrverständnis (Männlichkeits-Konstruktion) zielt. Sie fühlen sich im Recht und sie glauben, sich für eine gerechte Sache einzusetzen, weil im Verlauf der Indoktrinierung ihr bisheriges Wertegefüge einer Umdeutung unterworfen wurde. Zu den einfachen Weltbildern und primitiven Welterklärungsansätzen, die der Simplifizierung von gesellschaftlicher Komplexität dienen, passt der Antisemitismus mit seinen Verschwörungsphantasien über die Weltherrschaft, die bereits eine lange Tradition haben. Unmut und Leiden an sozialen Verhältnissen finden in einfachen antisemitischen Verschwörungstheorien eine scheinbare Erklärung.

In pädagogischen Handlungsfeldern ist daher eine immer fortwährende Auseinandersetzung mit antisemitischen Vorurteilen und innerhalb der Schülerschaft virulenten Verschwörungsphantasien dringend erforderlich. Eine pädagogische Haltung des Wegsehens und fehlendes Wissen sind hier kontraproduktiv.





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Letzte Änderung: 21.09.2015