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Stichwort des Monats
Der Fettmilchaufstand

Im Laufe des 16. Jahrhundert hatte sich das Frankfurter Patriziat zu einer frühabsolutistischen Obrigkeit entwickelt und die Zünfte sowie große Teile der Bürgerschaft von der politischen Macht ausgeschlossen. Dieser Zündstoff explodierte im Fettmilchaufstand.
Während im 15. Jahrhundert fast alle größeren Städte und viele Territorien ihre Juden auswiesen, bildete die Judengasse in Frankfurt neben Worms und Friedberg einen Zuwanderungsort. Im Laufe von weniger als 100 Jahren, zwischen 1462 und 1556, vermehrte sich die jüdische Bevölkerung der Stadt am Main um das Fünffache, in den fünfzig Jahren danach nochmals um mehr als diese Rate. 1462 lebten in Frankfurt etwa 100 Juden. Sie machten etwa 1% der Bevölkerung aus. 1610 waren es an die 2700, andere Historiker sprechen gar von 3000 Juden. Dies entspräche gut 15% der Gesamtbevölkerung, eine Zahl, die keine andere deutsche Stadt während dieser Zeit aufweisen konnte.

 Im Frühjahr 1612 konfrontierten unzufriedene Bürger den vom Patriziat dominierten Stadtrat mit der Forderung nach Veröffentlichung seiner Privilegien, der Errichtung eines öffentlichen Kornmarkts zur Regelung der Getreidepreise und der Begrenzung der Anzahl der jüdischen Einwohner Frankfurts. Ein erster Einigungsversuch in Form des sogenannten Bürgervertrages hatte nur kurze Zeit Bestand. Die aufständischen Zünfte und ihr Wortführer, der Lebkuchenbäcker Vinzenz Fettmilch, warfen dem Stadtrat Misswirtschaft und ein Komplott mit den Juden vor. Fettmilch hatte sich 1602 in der Töngesgasse niedergelassen und war Mitglied der Fettkrämerzunft.
Zu den Unterstützern des Aufstandes gehörten auch die in die Stadt geflohenen niederländischen Calvinisten. Ihnen hatte der Rat der Stadt den Aufenthalt in Frankfurt zu verleiden versucht, indem er ihnen die Errichtung eines Gotteshauses nicht gestattete. So klagten die Calvinisten, dass sie schlechter als die Juden behandelt würden, denen man den Bau und den Besitz von Synagogen zugestehe.

Die Ereignisse eskalierten, als im Juli 1614 ein kaiserliches Mandat die Bürger aufforderte, sich öffentlich, mit Nennung ihres Namens, von der Sache der Aufständischen loszusagen, andernfalls drohe ihnen die Reichsacht und der Vermögenseinzug.  Am 22. August 1614 mündete der Aufruhr in offene Gewalt gegen die Juden. Einige jüdische Familien flohen beim ersten Ansturm in die Häuser befreundeter Christen, der weitaus größere Teil der Juden blieb zurück. Die Männer verteidigten die Judengasse mehrere Stunden lang, indem sie  hinter den drei Toren Barrikaden aus Fässern, Bänken und Steinen errichteten, Frauen und Kinder flohen auf den benachbarten Friedhof. Nach einem mehrstündigen Kampf überlisteten die Angreifer die Juden, drangen in die Gasse ein und plünderten die Häuser. Als die Ausschreitungen in andere Teile der Stadt überzugreifen drohten, wurde die Plünderung der Gasse nach 13 Stunden durch bewaffnete Bürger beendet. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung stellte die Stadt acht Musketiere vor die Judengasse. Die Juden mussten am folgenden Tag die Stadt verlassen. Für den Rest ihrer Habe, die sie mit sich führten, mussten sie einen Ausfuhrzoll zahlen.

Der Kaiser verfügte als Reaktion gegen Vinzenz Fettmilch und die weiteren Anführer des Aufstandes die Reichsacht, dennoch wagte zunächst keines der Ratsmitglieder, das Ächtungsdekret öffentlich anzuschlagen oder zu vollstrecken.  Erst Ende November 1614 wurde  Vinzenz Fettmilch verhaftet und ihm der Prozess gemacht.  Auf dem Rossmarkt wurden Vinzenz Fettmilch und sechs Gefolgsleute  vor der versammelten Bürgerschaft 1616 enthauptet.  Nach der Vollstreckung wurde ein kaiserliches Schreiben verlesen, laut dem „die Juden mit Weib und Kind wieder in ihre Gasse aufgenommen, alle ihre Häuser repariert, auch alles spoliierte Silber, Gold und Geschmeide ihnen innerhalb dreier Monate wieder zugestellt, und sie fortan bei Strafe der Acht nicht mehr molestiert werden sollten“.  Nur Stunden später kehrte die jüdische Gemeinde durch das Gallustor in die Stadt zurück. Die Familien zogen über die Zeil zur Judengasse, eskortiert von Fahnenträgern und berittenen Soldaten.  Auf jedem der drei Tore der Judengasse wurde ein großes Schild mit dem kaiserlichen Adler und der Aufschrift „Röm. Kays. Maj. und des h. Reiches Schutz“ angebracht.
Nach der Niederschlagung des Aufstandes erarbeiteten kaiserliche Kommissare eine neue Judenordnung, die bis 1808 in Kraft blieb. Sie garantierte einerseits ein unbegrenztes Wohnrecht und hob damit die bisherige Beschränkung auf drei Jahre auf; andererseits schrieb sie die Zahl der in Frankfurt ansässigen Juden auf den bis dahin erreichten Stand von 500 Familien fest. Für die Frankfurter Juden bestand nun eine deutlich verbesserte Rechtssicherheit.
An den Fettmilchaufstand erinnerten noch viele Jahrzehnte die Köpfe der enthaupteten Rädelsführer: Zur Abschreckung von Nachfolgetätern hatte man sie gut sichtbar am Brückenturm aufgespießt – für jeden jüdischen Besucher ein Monument der Gerechtigkeit. So schrieb der Reisende Abraham Levie um 1750:   „Es ist bei der Brücke noch ein Eisen mit vier Spitzen zu sehen. Darauf befinden sich vier Totenköpfe. Sie sind von … Vinz Hans und drei seiner Ratgeber, welche die Juden unrechtmäßig vertreiben, ja sogar erschlagen wollten. Es hat sich aber gegen sie selbst gewendet.“ Erst 1801 wurden der Brückenturm abgerissen und die Köpfe der Verurteilten beseitigt. Außerdem wurde das Haus des Fettmilch eingerissen und auf dem Grundstück eine Schandsäule errichtet, die bis ins 19 Jahrhundert stehen blieb.
In jüdischen Familien wurde die Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1614 noch sehr lange Zeit bewahrt. Es ist überliefert, dass jüdische Eltern ihre Kinder noch  Ende des 18. Jahrhunderts an die Hand nahmen, um ihnen in der Stadt die Erinnerungsstätten des Fettmilchaufstandes zu zeigen. Der  Tag der Rückkehr - der 28. Februar oder der 19. Adar nach jüdischem Kalender -  galt in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt fortan als Festtag, den man – in  Anlehnung an das Purim Fest - als Purim Vinz feierte. Bei dem Fest wurde das eigens komponierte  Vinz-Hans-Lied gesungen. Eine Vertonung des Liedes ist in der neuen Dauerausstellung im Museum Judengasse zu hören.




Hinrichtung Vinzenz Fettmilchs und seiner Genossen und Rückführung der Frankfurter Juden 1616. Holzschnitt aus einem zeitgenössischen Flugblatt von Johann Ludwig Schimmel


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Letzte Änderung: 21.09.2015