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Stichwort des Monats
Säkularismus und religiöse Pluralität

Der langwierige Prozess - die Entwicklung religiöser Toleranz im Kontext staatspolitischer Herrschaftsinteressen - wurde auch im deutschen Sprachraum maßgeblich von der Französischen Revolution beeinflusst und danach mit der Durchsetzung von Verfassungen zur tragfähigen Staatsmaxime für moderne Staaten. Heute gehört der Säkularismus zum Selbstverständnis moderner Demokratien und ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Moderne. Wobei der Säkularismus stets in einem je spezifisch ausgehandelten Arrangement auf Religion bezogen bleibt.
Diese Staatsmaxime manifestiert sich im deutschen Grundgesetz. So zum Beispiel garantiert Artikel 4 die Religionsfreiheit und freie Religionsausübung und schützt die Bürger*innen vor Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit (vgl. GG. § 4). Gleichwohl bedeutet Säkularisierung nicht, dass religiöse Werteorientierungen an Bedeutung verloren hätten. Sowohl Teile der Rechtsprechung als auch gesellschaftliche Organisation des Zusammenlebens mit samt seinen Institutionen, Reglementierungen und Wohlfahrtseinrichtungen beruhen auf moralischen Vorstellungen, die zutiefst von religiösen Werten bestimmt sind.

Was heißt das für die deutsche Einwanderungsgesellschaft, die sich auch durch religiöse Pluralität auszeichnet?

Spätestens seit den 1970er Jahren hat sich die religiöse Vielfalt in Deutschland immer deutlicher differenziert und ausgeprägt. Entsprechend den statistischen Erhebungen der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und des statistischen Bundesamt 2014 sah die Verteilung der Religionszugehörigkeiten folgendermaßen aus:
Die größte Bevölkerungsgruppe bilden jene 34 % der Gesamtbevölkerung, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. 29,9 % der Bevölkerung gehören der römisch-katholischen Kirche an, ähnlich sieht es bei der evangelischen Kirche aus, die mit 28,9 % zu den größten Religionsgemeinschaften zählt. Des Weiteren bilden die Muslime mit ca. 4 Millionen (ca. 4 % der Gesamtbevölkerung) die größte Gruppe der nichtchristlichen Religionsgemeinschaften. Zu den evangelischen Freikirchen und orthodoxen Kirchen rechnen sich ca. 2,2 % der Bevölkerung. Ebenso werden unter „andere“ 2,2 % kleinere Religionsgemeinschaften zusammengefasst. Die Jüdische Gemeinde zählt mit ca. 100.000 Mitgliedern zu den kleinsten Religionsgemeinschaft in Deutschland.
Neben den traditionellen Religionsgemeinschaften haben sich ganz neue Formen von Religiosität und Spiritualität entwickelt. Anscheinend ist das Bedürfnis nach wie auch immer gearteter Gläubigkeit nicht einfach entschwunden. Ebenso nimmt bekanntlich Religiosität im Alter und in als krisenhaft erlebten Lebensphasen zu. Gegenwärtig kann sogar von einer Renaissance der Religionen gesprochen werden. Durch vermehrte Einwanderung von Katholiken (z. B. aus Polen), Juden (z. B. aus der Ukraine) und Muslimen (z. B. aus Syrien und Afghanistan) und vielen anderen rücken Religionen deutlicher in das Alltagsbild. Entgegen den Vorstellungen, Religiosität werde mit der Entzauberung der Welt überwunden sein, verbuchen Religionsgemeinschaften größere Zuläufe.

Wie ist der Umgang mit religiöser Vielfalt in den Schulen?
Der Staat übt neben der Aufsicht auch Kontrolle über die Lehrziele und –inhalte aus. Dies zeigt sich insbesondere an dem klar ausformulierten Bildungs- und Erziehungsauftrag im Hessischen Schulgesetz. Gemäß § 2 Art. 56 der Verfassung des Landes Hessen hat der erteilte Unterricht  dem „(…) gemeinsamen Bildungsauftrag, der auf christlicher und humanistischer Tradition [beruht]“ (Hervorhebungen durch Autorin) zu folgen.
Religion als ordentliches Unterrichtsfach ist in der Hessischen Verfassung in Artikel 7 fest verankert. Ferner regelt das Hessische Schulgesetz die Erteilung von konfessionsgebundenem Religionsunterricht. Die konkrete Ausgestaltung und Organisation des Religionsunterrichts wird in Absprache mit den Kirchen beziehungsweise den Religionsgemeinschaften festgelegt (vgl. Hessisches Kultusministerium 2009: https://kultusministerium.hessen.de/). Damit liegen sehr detaillierte Grundlagen zur Erteilung des konfessionsgebundenen Religionsunterrichts an Hessischen Schulen vor.
Schüler*innen können vom Religionsunterricht auf der Grundlage einer schriftlichen Abmeldung durch die Erziehungsberechtigten oder ab der Vollendung des 14. Lebensjahrs dem Religionsunterricht fernbleiben. Darüber hinaus wird in vielen Schulen das Unterrichtsfach Ethik erteilt, das vor allem als Alternative für jene Lernenden angeboten wird, die nicht am konfessionsgebundenen katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teilnehmen möchten. Dies trifft auf die Gruppe der Schüler*innen zu, die sich zum Atheismus, zum Islam oder zu sogenannten anderen Religionsgemeinschaften bekennen.
Weil das bisherige Unterrichtsangebot an konfessionsgebundenem Religionsunterricht keineswegs der religiösen Vielfalt der Schülerschaft gerecht wurde, bemühen sich die Religionsgemeinschaften für die Vermittlung von konfessionsgebundenem Religionsunterricht. Für alle jüdischen Schüler*innen, bietet beispielsweise „Jeschurun“ ab der fünften Klasse bis zum Abitur Religionsunterricht an Nachmittagen an. Die „Jeschurun“ ist eine staatliche anerkannte Schule in Frankfurt in der Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Auch kleinere jüdische Gemeinden bieten Religionsunterricht im  Rahmen der Gemeindearbeit an. Jüdische Kinder können in der „Jeschurun“ auch am Vorbereitungsunterricht für ihre Bar- oder Bat-Mitzwa teilnehmen. Muslimischen Schüler*innen boten bislang lediglich die Moscheegemeinden und Privatschulen oder Kulturvereine muslimischen Religionsunterricht. Das Land Hessen führte seit dem Schuljahr 2013/2014 in Kooperation mit der DITIB und der Ahmadiya Muslim Jamaat an 46 Grundschulen bekenntnisorientierten muslimischen Religionsunterricht ein. Geplant ist die Erweiterung des konfessionsgebundenen Religionsunterrichts auch auf die Sekundarstufe 1 (vgl. Hessisches Kultusministerium).

Die Maxime der Trennung von Staat und Religion wird demnach ein wenig aufgeweicht, in dem die staatlich verbriefte Werteorientierung auf christliche Traditionen verwiesen bleibt. Auf der Basis des bundesdeutschen Säkularismus-Arrangements prägten morgendliche christliche Schulgebete, das Aufstellen von Kruzifixen in Klassenräumen und das Tragen christlicher Symbole bei Lehrkräften die Selbstverständlichkeit christlicher Werteorientierungen sowohl in Schulgemeinden als auch in der Gesellschaft.
Erst der öffentliche Auftritt „anderer“ Religionen und ihre Forderungen nach Gleichberechtigung im Alltag irritierten diese Selbstverständlichkeit – nämlich die Monopolstellung christlicher Traditionen im Schulalltag. In Konfrontation beispielsweise mit muslimischen Schüler*innen, die ihre Religiosität durch die Kleiderordnung und Haartracht offen nach außen tragen, wurde der Diskurs über Religiosität und ihrer Akzeptanz im öffentlichen Raum losgetreten.
Der konflikthafte Umgang mit religiöser Vielfalt verdeutlicht einmal mehr, dass ein offener und demokratischer Diskurs über Werte und normative Ordnungen im Kontext von Säkularisierung und religiöser Pluralität notwendig ist. Plurale Gesellschaften sollten sich nicht nur durch beliebiges Nebeneinander jedweder Vielfalt, sondern vielmehr durch aufrichtiges Interesse und Akzeptanz sozialer Gruppen untereinander und gleichberechtigter demokratischer Partizipation auf Augenhöhe auszeichnen.
Wenn auch die Neuerungen des Hessischen Kultusministeriums für konfessionsgebundenen muslimischen Religionsunterricht begrüßenswert sind, stellt sich dennoch rückblickend die Frage, weshalb erst nach mehr als fünfzig Jahren muslimischer Migration in Deutschland die Kultusbehörden auf die Lebenswirklichkeit der Gesellschaft im Allgemeinen und der Schulen im Besonderen reagieren.
Aufklärung über die innere Vielfalt in den verschiedenen Religionen im Sinne von Religionskunde für breite Teile der Bevölkerung und der Schülerschaft sowie konfessionsgebundener Religionsunterricht für nicht-christliche Schüler*innen sind notwendige Eckpunkte, die es dringend umzusetzen gilt, wenn einer weiteren Spaltung der Gesellschaft entgegengewirkt werden soll!

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Letzte Änderung: 21.09.2015