Sehr geehrte Besucher,
Sie benutzen den Internet Explorer in der Version 6 oder kleiner. Dieser Browser ist mehr als 10 Jahre alt und wird von unserer Website nicht mehr unterstützt. Es kann daher zu Darstellungsproblemen kommen.

Um unsere Website in Ihrer vollen Schönheit betrachten zu können, bitten wir Sie, Ihre Browsersoftware zu aktualisieren.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Pädagogisches Zentrum Frankfurt am Main
background image
Header Pädagogisches Zentrum Frankfurt am Main
Logo Pädagogisches Zentrum Frankfurt am Main
      
Stichwort des Monats
Jüdisches Landleben in Hessen während der Weimarer Republik

Das Alltagsleben hessischer Landjuden in Dörfern und kleinen Landstädten in der Zeit „vor dem Holocaust“ tritt in seiner Wahrnehmung oft noch hinter dem städtischen jüdischen Leben zurück.
Die hessischen Gebiete (Hessen-Nassau und Volksstaat Hessen) hatten von allen größeren deutschen Regionen einen besonders hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. Im Jahre 1925 lag er bei fast zwei Prozent, bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens war Frankfurt am Main mit mehr als sechs Prozent. Etwa ein Drittel der jüdischen Hessen lebte in Dörfern und Kleinstädten (bis 5.000 Einwohner).
Die jüdischen Bürger waren immer Teil der Ortsgemeinschaft, Christen und Juden gestalteten und prägten hier gemeinsam das dörfliche und kleinstädtische Leben, allerdings in beruflich unterschiedlichen Funktionen. Die Juden waren überwiegend im Handel, besonders dem Viehhandel, aber auch im Frucht- und Saatguthandel tätig, oder sie hatten kleine Geschäfte für den täglichen Bedarf der bäuerlichen Bevölkerung, einige waren auch landwirtschaftlich tätig.  Über einen langen Zeitraum hatte sich eine „Symbiose zum gegenseitigen Nutzen“ – wie es Monika Richarz treffend bezeichnete – entwickelt.
Die jüdischen Bewohner waren wie die christlichen sehr bodenständig und zumeist schon seit vielen Generationen in der Region ansässig. Die Vereine als sozial und kulturell prägendes Element des Dorfes und der Kleinstadt waren für Christen und Juden gleichermaßen bedeutsam. So waren jüdische Bürger selbstverständlich Mitglieder in Sport- und Gesangsvereinen, in Kriegervereinen und in der Feuerwehr. Es gab keine eigene „jüdische Gesellschaft“ – außer im Zusammentreffen der Verwandtschaft und im religiösen Bereich. In den politischen Gremien waren Juden repräsentiert. Die nachbarschaftlichen Beziehungen waren immer sehr eng.
Christliche Bewohner erwarteten wie selbstverständlich, dass die jüdischen ihre religiösen Gesetze befolgten, während sie selbst nach ihren religiösen Vorschriften lebten. Sie kannten viele Gebräuche, wie die Mazze zu Pessach, die Laubhütten im Herbst oder den Langen Tag zum Versöhnungstag. Es waren vor allem solche Praktiken, die nach außen sichtbar wurden, auch wenn sie deren Zusammenhänge möglicherweise nicht genau hätten erläutern können, wozu ja auch keine Notwendigkeit bestand. Für Aufsehen im Ort sorgte lediglich der Jude, der die jüdischen Bräuche nicht befolgte.
Bezugspunkt der religiösen Identität für die jüdischen Bewohner war die jüdische Gemeinde. Durch die Abwanderung vom Lande ab Ende des 19. Jahrhunderts war das synagogale Leben mancherorts inzwischen weniger ausgeprägt. Nicht in allen Orten wurden täglich Gottesdienste abgehalten, konnte sich die jüdische Gemeinde noch einen eigenen Vorbeter Lehrer und Schächter halten. Nur in einigen Orten gab es noch eigene jüdische Volksschulen.
Die Identität der Landjuden war aber für sie selbst und in ihrer direkten Umwelt klar und selbstbewusst: sie waren jüdisch. „Mischehen“ gab es nur völlig vereinzelt, sie waren zumeist für beide Familien eine Katastrophe. Die jüdische Bevölkerung war nicht homogen, sondern verschiedenen Schichten zuzuordnen. Neben kleinbürgerlich gut situierten gab es auch eine Gruppe armer jüdischer Menschen, die am Rande des Existenzminimums lebten, es waren oft alleinstehende ältere Menschen. Im Alltag waren so Christen und Juden ähnlicher sozialer Stellung eher aufeinander bezogen als durch ihre religiöse Identität.
Das Dorf oder das Landstädtchen als Lebensmittelpunkt war gemeinsamer Bezugnahmen für alle Bewohner. Die Lokalidentität besaß in der überschaubaren Lebenswelt höchste Priorität im Selbstverständnis der Landbewohner.
Gegen antijüdische Hetze in der Weimarer Zeit setzten sich hessische Landjuden als selbstbewusste Bürger dann aktiv zur Wehr, wenn sie davon im lokalen oder regionalen Bereich ihres Heimatortes tangiert waren. Nationalsozialistische Wahlerfolge in den letzten Jahren der Weimarer Republik und Akzeptanz jüdischer Bürger als Teil der Ortsgemeinschaften schlossen sich nicht aus.
Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur 1933 war die antisemitische Agitation im Stande, diese dörflich-kleinstädtische Gemeinschaft zuerst durch einzelne, die sich ihr aus ideologischen Gründen entzogen oder bereits zuvor entzogen hatten, allmählich aufzubrechen, bis sie dann in den folgenden Jahren systematisch und gewaltsam zertrümmert wurde.


Copyright Hannah Oppenheimer (aus dem online Foto-Portal „Vor dem Holocaust“ – Fotos zum Jüdischen Alltagsleben in Hessen)

Viehhändler Hermann Rossmann mit seinem Kuhgespann im Hof seiner Hofreite in Wölfersheim. Das Foto wurde um das Jahr 1930 aufgenommen. Copyright Hannah Oppenheimer

Literaturhinweise und Links

Veranstaltungskalender
Juli 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
  01 02
03 04 05 06 07 08 09
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
25 26 27 28 29 30
31  

Pfeil nach rechtsAA





Pädagogisches Zentrum
Fritz Bauer Institut &
Jüdisches Museum Frankfurt

Seckbächer Gasse 14
60311 Frankfurt am Main
Tel. 069-212 74237
pz-ffm[at]stadt-frankfurt.de





© ® 1999-2017 Pädagogisches Zentrum
Frankfurt am Main
Letzte Änderung: 21.09.2015