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Stichwort des Monats
Ghetto

Das Ghetto als jüdische Siedlungsform ist im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit entstanden. Es ist definiert als abgeschlossene, zwangsweise und ausschließliche Siedlung für Juden.


Das erste Ghetto in Europa wurde vermutlich in Frankfurt am Main eingerichtet, als 1462 die jüdische Gemeinde auf Anordnung des Rates ihre Wohnsitze und ihre Synagoge im Zentrum der Stadt aufgeben und in die neu angelegte Judengasse umziehen musste. Die neue Siedlung wurde mit Mauern umgeben und mit drei Toren versehen, die über Nacht und an den christlichen Feiertagen verschlossen waren. Außerhalb dieser Gasse durften sich Juden in Frankfurt nicht mehr niederlassen.

Der Begriff „Ghetto“ stammt jedoch aus Italien. 1516 wurde den neu in Venedig zugelassenen Juden von der Stadtregierung ein Gelände zur Ansiedlung zugewiesen, das die Bezeichnung „ghetto nuovo“ trug, da sich dort zuvor eine Gießerei befunden hatte. Dieses Quartier war durch Kanäle begrenzt und nur über Brücken zugänglich, die über Nacht verschlossen und bewacht wurden. Das „ghetto nuovo“ wurde aufgrund der Zuwanderung 1541 und 1633 erweitert.

Das venezianische Ghetto wurde Vorbild für ähnliche Zwangssiedlungen in zahlreichen italienischen Städten. Ghettos entstanden z.B. seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Rom, Padua, Ancona und Ferrara. Das jüdische Viertel von Florenz wurde bereits bei seiner Einrichtung 1571 als Ghetto benannt. Aus der topografischen Bezeichnung war ein Gattungsbegriff geworden.


Im Bereich des alten Reiches blieb das Ghetto die Ausnahme. Neben Frankfurt am Main gab es in Worms, Prag, Friedberg und bis 1671 in Wien abgeschlossene jüdische Zwangssiedlungen. Da die Juden im Spätmittelalter aus fast allen größeren  Städten vertrieben worden waren, hatte sich der Siedlungsschwerpunkt auf Dörfer und Kleinstädte verlagert, in denen in der Regel keine abgeschlossenen jüdischen Siedlungen entstanden. In anderen bedeutenden jüdischen Siedlungsgebieten der frühen Neuzeit wie den Niederlanden und Polen-Litauen wurden ebenfalls keine Ghettos eingerichtet.

Mit der Aufklärung und der Französischen Revolution wurde die Institution des Ghettos in Frage gestellt und in den deutschen Städten spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgehoben. Die meisten italienischen Ghettos wurden ebenfalls in dieser Zeit aufgehoben. Nur unter der Herrschaft des Papstes blieb das Ghetto in Rom bis 1870 bestehen.


Im deutschen Bereich wurde der Begriff des Ghettos erst im 19. Jahrhundert im modernen Sinne benutzt und sehr häufig allgemein auf die jüdische Siedlung des Mittelalters und der frühen Neuzeit übertragen, auch wenn es sich nicht um die Zwangssiedlungen handelte. Während der Ghettobegriff in den Schriften der Aufklärung negativ verwandt wurde, konnte er nach der Emanzipation auch zu einem nostalgisch verklärten Begriff werden, so in dem Genre der jüdischen Dorfgeschichten, die auch als „Ghettogeschichten“ bezeichnet wurden.

In den USA wurde der Ghettobegriff von der amerikanischen Soziologie seit den 1920er Jahren auf die in den amerikanischen Großstädten entstandenen Einwandererviertel übertragen, die durch bestimmte ethnische Gruppen geprägt waren. Bahnbrechend war die soziologische Pionierstudie „The Ghetto“ von Louis Wirth , der ausgehend vom historischen Frankfurter Ghetto die Entwicklung in den jüdischen Einwanderervierteln der USA untersuchte.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges errichteten die Nationalsozialisten in den besetzen Gebieten Osteuropas Ghettos als Zwangssiedlungen für die jüdische Bevölkerung. Sie sind jedoch nicht mit den Siedlungen der frühen Neuzeit zu vergleichen, da sie Teil der  Vernichtungspolitik waren und als Juden Verfolgte aus ganz Europa in diese vollständig abgeriegelten Bezirke verschleppt wurden. Allein durch die katastrophalen Lebensbedingungen starben dort Hunderttausende, bevor jeweils alle übrigen Bewohner planmäßig ermordet wurden. Nur wenige konnten überleben.


In der Geschichtswissenschaft hat sich das Ghetto als terminus technicus für die in der frühen Neuzeit entstandene Zwangssiedlung für Juden ebenso wie für die nationalsozialistischen Ghettos durchgesetzt. Im allgemeinen Sprachgebrauch, in der Soziologie und auch in vielen Schulgeschichtsbüchern wird der Begriff jedoch sehr viel breiter und dadurch auch unschärfer benutzt.



Aus: Benjamin Ravid, Alle Ghettos..., siehe Literaturliste.

Plan des Ghettos von Venedig 1516-1797.

Literaturhinweise

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Letzte Änderung: 21.09.2015