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Stichwort des Monats
Kriegsende – Novemberrevolution 1918

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Zusammenbruch des Kaiserreichs im November 1918 erschütterten die politischen und gesellschaftlichen Grundfesten Deutschlands.  Noch im Sommer 1918 druckten jüdische Zeitungen die Listen der dekorierten jüdischen Kriegsteilnehmer und  derjenigen ab,  die den “Heldentod an der Front” erlitten hatten. Im Herbst kritisierte die Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV), "Im deutschen Reiche" scharf die Forderungen des amerikanischen Präsidenten Wilson und seine Waffenstillstandsangebote gegenüber der Regierung Max von Baden und warf ihm vor, nicht zu erwähnen, dass das Deutsche Kaiserreich seit seiner Geburt 1871 bis 1914 keinen Krieg geführt und der deutsche Kaiser stets, auch in kritischen Zeiten, für den Frieden eingesetzt hätte.  Auf einer voll besuchten Mitgliederversammlung des CV - öffentliche Versammlungen waren verboten - am 2. November 1918 in der Berliner Philharmonie erklärte das Hauptvorstandsmitglied Hugo Sonnenfeld, mit beiden Füßen auf dem Boden der innenpolitischen Ereignisse zu stehen, aber nicht im Sinne der Revolution, sondern der Evolution: "Die Liebe zum Vaterland und die Ehrfurcht vor dem König ist uns ein religiöses Gebot."

Angesichts der sich dramatisch abzeichnenden Veränderungen suchte man nach Orientierung und fand sie in einem Mann, Generalfeldmarschall Hindenburg:  „Was ihm, dem alten General heilig war, sah er beiseite geworfen. Doch er stellte sich nicht verbittert und schmollend beiseite. Die Liebe zum Volk, zum Volksheer, sein Pflichtgefühl waren größer. In diesen schwersten Tagen Deutschlands zögerte er nicht, der Umsturzregierung seinen konservativen Arm zur Verfügung zu stellen, um das Schlimmste an der Front und in der erzwungenen überhasteten Zurücktransportierung der Soldaten zu verhüten." Die Lobpreisung auf Hindenburg lassen erahnen, welch tiefes Unbehagen über die Situation herrschte. Die Betonung des "Pflichtgefühls" und des "Pflichtmenschen" Hindenburg belegen keinerlei Pathos für die neu entstandene politische Situation, die neue politische Führung wurde vielmehr abwertend  als "Umsturzregierung" deklariert.
Als die Nachricht vom Waffenstillstand kam, fühlte sich der orthodoxe Kantor der Frankfurter Börneplatzsynagoge Joseph Levy in einen Schockzustand versetzt. Siegfried Auerbach, ein Frankfurter jüdischer Kriegsteilnehmer, notierte am  19. November 1918 in seinem Tagebuch:  „Die Monarchie bringt nichts mehr zurück. Aber ich glaube nicht, dass die Republik, die wir bekommen werden, einen sozialistischen Charakter erhalten wird. Der Übergang zu der sozialistischen Wirtschaft lässt sich nicht einfach durch Regierungsverordnungen vollziehen,  dazu braucht man Jahrzehnte.“
Auf die sich überstürzenden Ereignisse im November 1918 reagierte das jüdische Bürgertum besorgt und erinnerte mahnend in der jüdischen Zeitschrift „Im Deutschen Reiche“ an die Schreckensjahre der französischen Revolution, die „tief durch Bürgerblut“ gewatet sei: und warnte: „Es gibt unter unseren Revolutionären Elemente, die am liebsten das Bürgertum ausrotten oder mindestens rechtlos machen möchten, wie in der französischen Revolution den Adel. Die Forderung aller wahrhaften Demokraten ist: darum keine einseitige Diktatur!"

Im Deutschen Reich bildeten sich auf allen Ebenen Arbeiter- und Soldatenräte. In Frankfurt nahm dieser seine Tätigkeit mit Sitz im Frankfurter Hof auf und ernannte den linken SPD-Abgeordneten Hugo Sinzheimer, einen Rechtsanwalt, zum Polizeipräsidenten. Er sollte später maßgeblich das Arbeitsrecht in Deutschland mitprägen. Sinzheimer setzte sich in der Stadtverordnetenversammlung für eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat ein und führte die Polizeigeschäfte in enger Abstimmung mit dem Arbeiter- und Soldatenrat. Er unterstützte die Bildung einer Arbeiterwehr. Als ihm die preußische Regierung die Bestätigung im Amt verweigerte, schied er aus dem Amt. Sinzheimer war Mitglied der Israelitischen Gemeinde, hatte aber keine Beziehung zum Judentum. Erst in der erzwungenen Emigration entwickelte er Interesse, sich mit ihm auseinandersetzen. Auch Toni Sender war zeitweise Vertreterin der USPD im Arbeiter-und Soldatenrat in Frankfurt. Sie übernahm die Redaktion der Tageszeitung „Volksrecht“ und einer Frauenzeitschrift. In einem ihrer Artikel forderte sie „Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit“. 1919 wurde sie Abgeordnete der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung und  1920 für die USPD in den Reichstag gewählt.

Aufgrund der exponierten Rollen einiger Juden in der Revolution 1918/19 befürchtete man quer durch das jüdische Spektrum, dass dies ein schlechtes Licht auf die gesamte Judenheit werfe und dem Antisemitismus neuen Auftrieb gebe. Dementsprechend mangelte es nicht an öffentlichen Bekenntnissen zur Besonnenheit und Zurückhaltung bei gleichzeitiger Distanzierung von den revolutionären Umtrieben der jüdischen Aktivisten, häufig verbunden mit dem Hinweis, diese gehörten ohnehin nicht mehr  dem Judentum an.
Zahlreiche antisemitische Stereotypen entstanden in der Zeit des Ersten Weltkriegs bzw. während der Revolution 1918/19, wie das des „jüdischen Kriegsgewinnler“ oder die Dolchstoßlüge. Mit diesen antisemitischen Vorwürfen setzte sich die jüdische Abwehrarbeit während der Weimarer Republik permanent auseinander.

Literatur




Kieler Matrosen vor dem Frankfurter Hof; Fotograf unbekannt © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt


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Letzte Änderung: 21.08.2015