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Stichwort des Monats
Jüdische Islamwissenschaft

Jüdische Wissenschaftler haben im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wesentlich zur Entwicklung der Orientalistik beigetragen und insbesondere der Koranforschung wichtige Impulse gegeben. Dies habe, so die Arabistin Angelika Neuwirth, mit der Doktorarbeit des in Frankfurt geborenen Rabbiners Abraham Geiger (1810-1874), die den Titel „Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen“ trägt und 1833 veröffentlicht wurde, begonnen und mit dem Ausschluss jüdischer Wissenschaftler von deutschen Hochschulen durch die Nationalsozialisten 1933 geendet, habe also ungefähr 100 Jahre lang gedauert (Neuwirth 2017). Wie lässt sich das erklären?
Von grundlegender Bedeutung für eine wissenschaftliche Behandlung des Islam ist, dass die heiligen Schriften nicht als sakrale Texte, sondern wie andere Texte auch gesehen werden. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie mit modernen wissenschaftlichen Methoden, mit philologischen, historisch-kritischen sowie hermeneutischen Methoden erforscht werden können. Historisch gesehen geschah dies das erste Mal in der Generation von Abraham Geiger. Nicht nur die heiligen Schriften des Islam, sondern auch diejenigen des Judentums wurden entsakralisiert und wissenschaftlich erforscht - und es entstand die „Wissenschaft des Judentums“. Mit dem Ziel, das Judentum aus dem Geist der Wissenschaft zu erneuern, wurden jüdische Quellen mit Hilfe moderner wissenschaftlicher Methoden erschlossen. Warum aber wurden nicht nur diese, sondern auch islamische Texte zum Gegenstand der Analyse gemacht, warum begannen jüdische Wissenschaftler damit, den Koran und den Hadith, Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed, zu erforschen? Wie ist das zu verstehen?
Die amerikanische Professorin für Jüdische Studien am Dartmouth College, New Hampshire, Susannah Heschel, hat jüngst die These vertreten, die jüdische Islamwissenschaft sei „ein Instrument zur Entorientalisierung des Judentums“ gewesen (Heschel 2015, 150). Jüdischen Islamforschern sei es gar nicht primär um den Islam, genauer gesagt, um ein wissenschaftliches Verständnis seiner heiligen Schriften gegangen, vielmehr hätten sie sich mit dem Islam befasst, ihn zu einer rationalen Religion „erhoben“, um auf diese Weise zur Erneuerung des Judentums beizutragen.
Im Hintergrund dieser Argumentation steht die These des Literaturwissenschaftlers Edward Said, „der Orient“ sei ein gedankliches Konstrukt, das im Kontext von Imperialismus und Kolonialismus entstanden sei und der Legitimation von Herrschaft gedient habe (Said 1981). Der „Orientalisums“ basiere auf der Annahme, es gebe einen Gegensatz zwischen Orient und Okzident. Um sich der eigenen Identität zu vergewissern und die Herrschaft über den Orient zu rechtfertigen, sei dieser aus westlicher Sicht als „das ganz Andere“ konstruiert worden. Während sich der Westen als durch Vernunft, Freiheit und Vervollkommnungsfähigkeit geprägt sehe, so der syrische Wissenschaftler Aziz Al-Azmeh im Anschluss an Said, werde der Orient auch heute noch von westlicher Seite als Ort der Despotie, des Fanatismus und der Unfähigkeit sich zu vervollkommnen imaginiert (Al-Azmeh 1996).
Heschel geht nun im Unterschied zu Said davon aus, dass nicht nur der Islam, sondern auch das Judentum „orientalisiert“ wurde. Die jüdischen Islamwissenschaftler hätten sodann dieselbe Absicht verfolgt, wie diejenigen Wissenschaftler, die sich jüdischen Quellen widmeten (und die Wissenschaft des Judentums entwickelten). Auch ihnen sei es darum gegangen, das Judentum zu erneuern und zwar indem es von allen Irrationalismen gereinigt wird. Indem sie den Islam als rational und aufgeklärt konstruierten, hätten sie das „Modell einer Darstellung des Judentums für die europäische Welt geboten“ (165). Heißt das, dass ihre Forschungen nur Konstruktionen sind, die keinen Erkenntniswert besitzen?
Einer der jüdischen Islamwissenschaftler war Josef Horovitz. Im Unterschied zu Geiger steht er nicht am Anfang, sondern am Ende der besagten 100 Jahre. Horovitz wurde 1874 in Lebork (einst Lauenburg in Pommern) als zweiter Sohn des später in Frankfurt tätigen Rabbiners Markus Horovitz geboren. Er studierte das Fach Orientalische Sprachen in Berlin, wurde zunächst dort Dozent, erhielt dann einen Ruf an das Muhammedan Anglo-Oriental College von Aligarh (Indien) und wurde schließlich Professor für Semitische Sprachen am Orientalischen Seminar der Universität Frankfurt am Main. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit lag auf der altarabischen Poesie, dem Koran und der Biographie des Propheten Mohammed. Trifft die These, dass es jüdischen Islamwissenschaftlern letztlich um das Judentum und seine Purifizierung ging, auf ihn und seine Forschungen zu?
Exemplarisch lässt sich diese Frage an einem Artikel erörtern, den Horovitz für die Enzyklopädie des Judentums zu dem Stichwort „Islam“ schrieb (Horovitz 1926). Dieser in 17 Abschnitte gegliederte Text beginnt mit allgemeinen Ausführungen über den Islam und endet mit einer Analyse des Verhältnisses zwischen Islam und Judentum. Wie wird hier der Islam konstruiert und wie wird das Verhältnis zwischen Judentum und Islam bestimmt?
Auffällig ist zunächst die Fokussierung auf den Propheten Mohammed. Entsprechend der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik wird der Koran auf seinen Autor, auf Mohammed zurückgeführt (der seine Autorschaft negierte und einen anderen Autor des Textes behauptete). Und es fällt auf, dass altarabische Überlieferungen, die ebenfalls Eingang in den Koran fanden, nicht berücksichtigt werden: Horovitz spricht allein von „jüd. und islamischen Lehren“. Diese habe Mohammed „umgestaltet“, genauer gesagt, er habe eine Auswahl aus ihnen getroffen, die durch sein „prophetisches Selbstbewusstsein“ geprägt sei. So erkläre sich die Besonderheit des Koran. Bemerkenswert ist, dass sich Horovitz in diesem Zusammenhang implizit gegen die Behauptung wendet, aus einer eigenen Perspektive den Islam als anders zu konstruieren, indem er darauf verweist, Mohammed selbst habe auf „die Übereinstimmung der koranischen mit früheren Offenbarungen“ (566) hingewiesen.
In der zweiten Hälfte des Artikels legt Horovitz sodann nicht nur dar, was im Islam aus dem Judentum übernommen, sondern auch umgekehrt, was im Judentum dem Islam entlehnt wurde. Und er spricht nicht nur über Entlehnungen, also Annäherungen, sondern unter der Überschrift „Polemik“ auch über Abgrenzungen und Abwertungen. Schließlich ergänzt er seine Darlegungen durch Ausführungen über die „rechtliche Stellung der Juden im Islam“, wie sie schriftlich festgelegt wurde, sowie über die Realität jenseits dieser Regelungen. Auf diese Weise macht er deutlich, wie eng Judentum und Islam miteinander verflochten waren. Ohne diese wechselseitige Beeinflussung zu berücksichtigen, sei es weder möglich den Islam noch das Judentum adäquat zu verstehen. Wird hier der Islam als Modell einer rationalen und aufgeklärten Religion konstruiert und das Judentum „entorientalisiert“?
Festhalten lässt sich, dass auf Horovitz zutrifft, was Heschel über die erste Generation jüdischer Islamwissenschaftler sagt, nämlich dass auch er aus einem orthodoxen Elternhaus stammt. Ebenfalls lässt sich festhalten, dass Horovitz das Eigene im Anderen erforschte und durchaus Elemente jenes „Narrativs“ aufgriff, welches laut Heschel von den ersten jüdischen Islamwissenschaftlern entwickelt und sodann immer wieder repetiert wurde (z.B. die Annahme, dass das Neue des Islam letztlich aus einer Auswahl aus Bekanntem, eben jüdischen und christlichen Überlieferungen resultierte). Doch lässt sich darüber hinaus auch sagen, dass Horovitz‘ Forschungen durch das Bestreben gekennzeichnet sind, den Islam nicht aus der eigenen Perspektive als etwas Fremdes, etwas „ganz Anderes“ zu konstruieren. Das zeigt sich nicht nur daran, dass er sich immer wieder der Selbstwahrnehmung des „Anderen“ vergewissert, sondern vor allem auch daran, dass er – ohne das Verhältnis zwischen Islam und Judentum zu idealisieren – zeigt, wie die Differenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen sich nicht aufrechterhalten lassen, die Interaktion, welche in der Vergangenheit stattgefunden hat, eine klare Grenzziehung letztlich unmöglich macht.
Fazit ist, dass es unangemessen wäre, zu behaupten, Horovitz hätte den Islam „orientalisiert“ oder „entorientalisiert“ und ihn als etwas konstruiert, was er gar nicht ist. Zurückgeführt werden kann dies zum einen darauf, dass seine Forschungen durch ein solides philologisches Vorgehen, eine partielle Orientierung an der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik und durch ein Erkenntnisstreben geprägt sind, das er allein um der Erkenntnis willen verfolgte. Zum anderen war von Bedeutung, dass seine Forschungen auf der Anerkennung der Dignität der Religion, speziell der Dignität des Islam beruhten. Die These Heschels wird insofern den Forschungen von Horovitz nicht gerecht, ja, sie ist insofern problematisch, als sie letztlich darauf hinausläuft, diese in ihrem Wert zu mindern, statt sie in ihrer Bedeutung anzuerkennen.
Horovitz starb 1931 im Alter von 56 Jahren an einem Schlaganfall. Seine Forschungen zum Koran konnte er leider nicht abschließen. Nachdem er lange Zeit vergessen war, wird er heute wieder entdeckt und zu einem Vorbild für die Koranforschung (Neuwirth 2010).

Johannes Twardella


Prof.Dr. Josef Horovitz (1874-1931) ©Jüdisches Museum Frankfurt


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Letzte Änderung: 21.08.2015